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Ein Jahr geht zu Ende

Die letzten Wochen meines Freiwilligendienstes haben begonnen und mein Koffer ist schon zur Hälfte gefüllt. Letztes Jahr im August bin ich in Ibarra angekommen, ohne zu wissen, was mich erwartet – und jetzt zähle ich die Tage, die mir noch bleiben. Zwischen diesen beiden Momenten liegt fast ein ganzes Jahr, das mich verändert hat und in dem ich mehr gelernt habe, als ich vorher geglaubt hätte.

Das letzte Jahr lang habe ich mit den Kindern gelacht, gespielt und gelernt. Am Anfang war vor allem die Sprache noch eine Hürde, doch einige Wochen später kannte ich nicht nur die Namen aller Kinder, sondern auch ihre Eigenheiten und ihre Geschichten – und sie kannten meine. Was mich von Anfang an beeindruckt hat, war die Selbstverständlichkeit, mit der ich in ihrem Zuhause und ihrem Leben aufgenommen wurde, obwohl alle wussten, dass ich mich wieder verabschieden muss.

Die Despidida (Abschiedsfeier)

Am Freitag feierten wir unsere Verabschiedungsfeier. Ich wusste, dass etwas geplant war, aber nicht, in welchem Umfang: wir trafen uns alle - die Freiwilligen, die Kinder aller Häuser und die Mitarbeiter der Fundation - in dem Garten eines Casas. Dort wurden Tische mit Luftballons geschmückt und es gab laute Musik. Wir spielten einige Spiele mit den Kindern, und konnten so unseren letzten Tag zusammen genießen. Auch die Kinder hatten etwas vorbereitet, es wurde gesungen, getanzt und wir haben von jedem Kind eine selbstgebastelte Abschiedskarte bekommen.

Besonders in Erinnerung bleibt mir der Moment, als wir Freiwilligen unser Abschiedsgeschenk an die Chefin der Fundation übergaben. Wir hatten einige Kleinigkeiten für sie vorbereitet, und bedankten uns nochmal bei ihr für dieses Jahr. Im Anschluss liefen nicht nur bei uns, sondern auch bei ihr die Tränen.

Von den Educadoras habe ich auch ein kleines Geschenk bekommen: ein T-Shirt und eine Tasse mit Bildern von mir, den Kindern und den Educadoras. Der ganze Tag war voller Lachen und Freude, und gleichzeitig lag über allem das Wissen, dass es das letzte Mal ist, dass ich alle sehe. Ich habe zum ersten Mal richtig begriffen, dass ich bald gehe.

Abschied nehmen

Die eigentlichen Abschiede kamen danach, einige Kinder fragten, ob ich wiederkomme, und ich habe gemerkt, wie schwer eine ehrliche Antwort auf diese Frage ist. Manche Kinder haben geweint, andere haben so getan, als wäre nichts. Dann stiegen alle ins Auto und fuhren davon, einige Kinder winkten noch durch die Fenster und das war’s. Nach einem Jahr, in dem ich die Kinder fast täglich sah, würde ich einige von ihnen nie wieder sehen.

Was mich am meisten beschäftigt: Für mich endet hier ein Jahr, für die Kinder ist es ein weiterer Mensch, der wieder geht. Mit diesem Aspekt habe ich schon eine Weile gehadert. Viele Kinder im Casa haben sowieso mit Verlusten zu kämpfen. Für die Kinder muss es schwierig sein, jedes Jahr aufs Neue eine Verbindung mit einem Freiwilligen aufzubauen, nur damit dieser nach einem Jahr wieder nach Deutschland, Spanien oder Italien zurückkehrt.

Die Heimreise

Am Montag fliege ich von Quito über Madrid nach Düsseldorf. Die Vorstellung, nach fast 30 Stunden Reise wieder zuhause anzukommen, fühlt sich unwirklich an. Ich freue mich auf meine Familie, Freunde und generell darauf, wieder zuhause zu sein – und mir ist gleichzeitig klar, wie viel ich aus Ecuador vermissen werde. Die Leute, das Essen, das Wetter, an alles muss ich mich neu gewöhnen. Die Letzten Wochen war ich ständig in diesen Zwiespalt: die Vorfreude auf zuhause und die Trauer vor dem Abschied.

Gedanken zum Abschluss

Ich nehme kein festes Fazit mit nach Hause, aber es gibt so viele Dinge, die ich gelernt habe: natürlich die Sprache, viel Geduld und ein anderer Blick auf Selbstverständlichkeiten. Das Jahr hat mir gezeigt, wie viel Arbeit, Herz und Kraft Personal im sozialen Sektor in ihren Beruf stecken müssen, damit alles funktioniert. Ich habe enormen Respekt vor diesen Menschen und finde, dass diese Leistung stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft rücken sollte.

Ich bin dankbar, dass ich dieses Jahr hier verbringen, so viel lernen und erfahren durfte.

 

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