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Abschied nehmen

Jetzt sind es nur noch wenige Tage, bis unser Freiwilligendienst in Ecuador zu Ende geht. Mittlerweile fühlt es sich wirklich anders an, wenn ich daran denke, dass ich bald wieder in Deutschland sein werde. Am Anfang war ein Jahr eine unglaublich lange Zeit und jetzt frage ich mich, wo diese zwölf Monate geblieben sind. Es ist ein komisches Gefühl, dass etwas, das, solange mein Alltag war, bald plötzlich vorbei sein wird.

Wenn ich auf die Zeit hier zurückblicke, fällt mir vor allem auf, wie sehr Ecuador für mich zu einem Teil meines Lebens geworden ist. Es ist nicht mehr nur das Land, in das ich für einen Freiwilligendienst gekommen bin. Ich kenne inzwischen meine Wege, bestimmte Orte und Abläufe und habe Menschen kennengelernt, mit denen ich einen großen Teil meines letzten Jahres verbracht habe. Vieles davon wird sich wahrscheinlich erst bei der Rückkehr nach Deutschland wirklich fremd anfühlen.

Besonders schwer fällt mir der Abschied von den Kindern. Anders als bei meinen Freunden oder Mitbewohner*innen wird es mit ihnen auch nicht einfach möglich sein, über das Internet oder soziale Medien in Kontakt zu bleiben, da sie kein eigenes Handy besitzen. Auch wenn ich hoffentlich irgendwann wieder nach Ecuador und in die Fundación zurückkehren kann, weiß ich nicht, ob dann noch alle Kinder dort sein werden. Gerade diese Ungewissheit macht den Abschied für mich besonders schwer. Gleichzeitig weiß ich, dass mein Freiwilligendienst irgendwann enden muss und die Fundación auch ohne mich weiterbestehen wird. Ich versuche deshalb, den Abschied nicht nur als etwas Trauriges zu sehen, sondern auch als einen natürlichen Teil eines Freiwilligendienstes und als Zeichen dafür, dass ich hier eine schöne und wichtige Zeit erleben durfte. Auch das Ende meines Freiwilligendienstes hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig Beziehungen geworden sind. Besonders schwierig ist der Gedanke, dass man manche Menschen, mit denen man hier täglich zusammenlebt oder arbeitet, nach der Rückkehr nicht mehr einfach im Alltag sehen wird. Natürlich kann man etwas Kontakt halten mit den meisten, aber es wird nicht dasselbe sein, wie gemeinsam in Ecuador zu leben. Gleichzeitig bin ich dankbar dafür, dass ich überhaupt die Möglichkeit hatte, solche Beziehungen aufzubauen.

Die letzten Monate haben mir auch gezeigt, dass ich mich in diesem Jahr verändert habe. Nicht unbedingt in einer großen oder offensichtlichen Weise, sondern eher durch viele kleine Erfahrungen. Ich gehe heute anders an unbekannte Situationen heran und habe weniger das Bedürfnis, dass alles sofort so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe gelernt, Dinge auf mich zukommen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass man sich auch in einer neuen Situation zurechtfinden kann. Besonders wichtig war für mich dabei die Erkenntnis, dass ein Freiwilligendienst nicht nur daraus besteht, anderen Menschen zu unterstützen. Natürlich war das ein wichtiger Teil meiner Arbeit, aber gleichzeitig habe ich selbst unglaublich viel durch die Menschen und meinen Alltag hier gelernt. Ich nehme neue Perspektiven, Erfahrungen und Erinnerungen mit, die ich vor meiner Ausreise so nicht erwartet hätte.

Auch meine Vorstellung von Freiwilligenarbeit hat sich verändert. Ich glaube heute weniger daran, dass man innerhalb eines Jahres möglichst viel verändern muss. Viel wichtiger finde ich, sich auf die Menschen vor Ort einzulassen, bestehende Strukturen zu respektieren und dort zu unterstützen, wo man gebraucht wird. Gerade in der Arbeit mit den Kindern habe ich gemerkt, dass nicht immer große Veränderungen notwendig sind. Manchmal ist es schon wichtig, Zeit miteinander zu verbringen, zuzuhören oder einfach da zu sein. Gleichzeitig freue ich mich inzwischen auch sehr auf meine Rückkehr nach Deutschland. Ich freue mich auf meine Familie, meine Freunde und meine Heimatstadt. Ich freue mich darauf, wieder vertraute Dinge um mich zu haben und nach einem Jahr in Ecuador ein Stück weit in meinen alten Alltag zurückzukehren. Trotzdem weiß ich, dass ich nicht einfach genau dort weitermachen werde, wo ich vor einem Jahr aufgehört habe. Ich selbst habe mich verändert und nehme ein ganzes Jahr voller Erfahrungen mit zurück.

Der Abschied wird deshalb wahrscheinlich aus vielen verschiedenen Gefühlen bestehen. Ich bin traurig, dass mein Leben hier zu Ende geht, freue mich aber gleichzeitig auf das, was danach kommt. Vielleicht ist gerade dieser Gegensatz ein gutes Zeichen dafür, wie viel mir dieses Jahr bedeutet. Wenn mir der Abschied schwerfällt, bedeutet das auch, dass ich hier etwas gefunden habe, das mir wichtig geworden ist.   

Ich bin sehr froh, dass ich mich damals für einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst entschieden habe. Gerade die lange Zeit hat mir ermöglicht, nicht nur für kurze Zeit in Ecuador zu sein, sondern wirklich einen Alltag hier aufzubauen. Ich konnte erleben, wie sich aus einem anfänglichen Abenteuer ein normales Leben entwickelt und wie dieses normale Leben am Ende plötzlich wieder zu etwas Besonderem wird, weil man weiß, dass es bald vorbei ist.      

Was genau mir von diesem Jahr am meisten fehlen wird, werde ich wahrscheinlich erst merken, wenn ich wieder in Deutschland bin. Sicher ist für mich aber schon jetzt, dass Ecuador und die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, ein wichtiger Teil meiner persönlichen Geschichte geworden sind. Und auch wenn der Abschied schwer wird, bin ich vor allem dankbar, dass ich dieses Jahr erleben durfte.

 

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