Das Zwischenseminar war für mich ein Moment zum Innehalten
und Revue passieren lassen. Fünf Tage lang hatten wir Zeit, zurückzublicken, Erfahrungen zu teilen und die vergangenen Monate bewusst zu reflektieren. Jonathan und Raquel, die das Zwischenseminar geleitet haben, haben uns meiner Meinung nach sehr gut durch die Themen geführt und uns bei Reflexion, Ausblick und
Diskussion unterstützt. Dabei wurde mir erst richtig klar: Ich bin schon seit sechs Monaten in Ecuador. Wie ich bereits in meinem letzten Bericht geschrieben habe, ist es erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht. Umso dankbarer bin ich, meinen Freiwilligendienst über zwölf Monate zu machen. Nach nur neun oder zehn Monaten wieder zu gehen, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Vieles braucht einfach Zeit: Vertrauen aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen und wirklich anzukommen.
Im Zwischenseminar haben wir uns auch mit unserer Rolle hier beschäftigt. Ein zentrales Thema unserer Diskussion war dabei die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Freiwilligendienstes im Ausland. Ist ein FWD im Ausland wirklich notwendig? Oder könnte, und sollte, soziale Arbeit nicht genauso in Deutschland geleistet werden? Für mich ist der Freiwilligendienst bisher eine positive Erfahrung. Es ist unglaublich wertvoll, Einblicke in soziale Arbeit zu bekommen und Strukturen kennenzulernen, die sich teilweise von denen in Deutschland unterscheiden. Gleichzeitig bleibt die Frage berechtigt: Warum im Ausland? Eine eindeutige Antwort gibt es darauf wahrscheinlich nicht. Soziale Arbeit wird überall gebraucht, auch in Deutschland. Doch ein internationaler Freiwilligendienst bietet auch einen Perspektivwechsel. Er ermöglicht interkulturelles Lernen und fördert das Verständnis für globale Zusammenhänge. Man, lernt nicht nur „zu unterstützen“, sondern vor allem zuzuhören, sich einzuordnen und die eigene Rolle kritisch zu hinterfragen. Natürlich profitiert auch die oder der Freiwillige persönlich stark: Man sammelt Erfahrungen, erweitert den eigenen Horizont und knüpft internationale Beziehungen. Diese Begegnungen schaffen oft Verbindungen, die über das Jahr hinaus bestehen bleiben und langfristig Brücken zwischen Gesellschaften bauen können. Interkulturelle Freundschaften, neue Sichtweisen und eine gewachsene Sensibilität für globale Themen wirken oft weit über den Freiwilligendienst hinaus. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass ein solcher Dienst auch Verantwortung bedeutet.
Er sollte nicht als „Abenteuerjahr“ verstanden werden, sondern als Lern- und Austauschprozess. Wenn dieser Anspruch ernst genommen wird, kann ein FWD im Ausland sowohl für die Einsatzstelle als auch für die Freiwilligen bereichernd sein.
Eng damit verbunden ist die Frage, was „Unterstützung“ eigentlich bedeutet. Bevor man nach Ecuador kommt, haben wahrscheinlich viele, vielleicht ohne es richtig zu merken, die Vorstellung, hier etwas grundlegend bewegen zu können. Vielleicht startet man in so ein Jahr oft mit dem Wunsch, etwas zu ,,erreichen“. Nach sechs Monaten sehe ich das realistischer. Ich bin nur für eine begrenzte Zeit da und werde keine grundlegenden Veränderungen herbeiführen. Mein Verständnis von
Unterstützung hat sich verändert. Es geht für mich weniger darum, Probleme zu lösen oder sichtbare Ergebnisse zu produzieren. Viel wichtiger ist es, verlässlich da zu sein und den Alltag zum Beispiel für die Educadoras (Erzieherinnen) in den Casas etwas zu erleichtern.
In den letzten Monaten habe ich gemerkt, wie wichtig mir die Kinder hier geworden sind. Drei Wochen nicht im Casa zu sein, ist eigentlich keine lange Zeit. Trotzdem hat mich der Gedanke überrascht, wie sehr ich sie vermissen werde. Daran merke ich, wie viel in den letzten sechs Monaten passiert ist. Am Anfang war vieles neu: neue Aufgaben, neue Abläufe, neue Menschen. Inzwischen ist vieles selbstverständlicher geworden. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass ich nur für eine bestimmte Zeit hier bin. So schön es ist, sich einzuleben und Nähe aufzubauen, irgendwann kommt der Moment, an dem ich wieder gehe. Und dieser Gedanke ist nicht immer leicht. Manchmal frage ich mich: Sollte man sich vielleicht etwas mehr zurückhalten, wenn man weiß, dass alles zeitlich begrenzt ist? Aber ich glaube, Distanz wäre auch für beide Seiten falsch. Beziehungen entstehen nicht, wenn man sich ständig schützt. Sie entstehen, wenn man sich wirklich einlässt, auch wenn das bedeutet, dass ein Abschied später weh tut. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob es wirklich gut ist, besonders für die Kinder, jedes Jahr wechselnde Bezugspersonen zu haben, die auf jeden Fall wieder gehen.
Ich habe aber auch gemerkt, dass für mich die Sprache weiterhin ein großes Thema bleibt. Mein
Spanisch ist über die Zeit deutlich besser geworden. Trotzdem fällt es mir manchmal schwer, Personen oder auch die Kinder zu verstehen oder mich auszudrücken. Andererseits habe ich durch die Kinder auch gemerkt, dass Kommunikation selbst ohne gemeinsame Sprache möglich ist.
Beim Zwischenseminar ging es aber nicht nur darum, zurückzuschauen und zu reflektieren, sondern auch nach vorne zu blicken. Was werden die nächsten Monate mit sich bringen? Für die nächsten Monate wünsche ich mir, noch sicherer in meiner Rolle zu sein und mehr Verantwortung übernehmen zu können. Dabei hoffe ich, die Beziehungen zu den Kindern weiter vertiefen zu können.
Insgesamt hat mich das Zwischenseminar sehr zum Nachdenken gebracht und mir gezeigt, wie wichtig Reflexion ist. Mir ist klar geworden, dass dieses Jahr nicht nur ein Freiwilligendienst-Einsatz ist, sondern als Ganzes ein Lernprozess auf vielen Ebenen.
Ich bin gespannt, was dieses Jahr noch mit sich bringt, und offen für alles, was noch kommt.



















