Die letzten Wochen vor der großen Reise
nach Deutschland sind angebrochen – der Countdown läuft!
Nun ist es über neun Monate her, dass ich mich ins Flugzeug auf den Weg nach Ecuador in ein großes Abenteuer begeben habe und noch überhaupt nicht wusste, was mich alles erwarten würde. Rückblickend konnte ich damals überhaupt nicht einschätzen, was dieses Jahr für mich bereithalten würde und wie viele neue Erfahrungen, Herausforderungen und Begegnungen auf mich zukommen würden. Ich wusste weder, wie sich das Leben in einer WG gestalten würde, wie es sein würde, weit weg von zu Hause zu leben, wie mein Zimmer aussehen würde, wo ich einkaufen gehen würde, wie die Arbeit und die Kinder sein würden, welche Aufgaben auf mich zukommen würden, welche Menschen ich kennenlernen, noch, was ich in meiner Freizeit unternehmen würde.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie Antonia und ich in Quito in den Bus nach Ibarra stiegen und total überwältigt von der wunderschönen Natur und den Bergen waren, die man auf dieser Busfahrt sehen konnte. Dann kamen wir im warmen Ibarra (im Vergleich zu Quito) an und wussten nur, dass Claudia uns abholen kommen würde. Also standen wir dort mit unseren Koffern und warteten auf eine Frau, mit der wir zuvor nur einmal über einen Video-Call gesprochen hatten, und hofften, sie erkennen zu können. Schließlich kam ihr Mann, um uns abzuholen, und wir mussten erst einmal mit unserem gebrochenen Spanisch die Situation verstehen. Er zeigte uns auf dem Weg zu unserem Haus direkt den Park und den Supermarkt und somit sahen wir zum ersten Mal die Stadt, in der wir für die nächsten Monate leben würden.
Die Orientierung fehlte natürlich noch, aber schnell verbanden wir den einen Ort mit dem nächsten und es bildete sich ein immer klareres Bild des Stadtplans. Unseren ersten Ausflug auf den Markt unternahmen wir mit Hanna und Elena, unseren Mitfreiwilligen, die schon knapp drei Monate vor uns angekommen waren und sich somit bereits etwas in Ibarra auskannten. Mich überraschten die lauten Straßen, gefüllt von Käufern und Verkäufern, die Tomaten für einen Dollar verkauften und laut ihre Angebote riefen. Was mich jedoch noch mehr beeindruckte, war die riesige Auswahl an Obst und Gemüse – am liebsten hätte ich alles mitgenommen! Ich hatte noch gar kein Gefühl dafür, wie viele Karotten ich für einen Dollar bekommen sollte, und es fehlte mir auch noch einiges an Vokabular, um überhaupt kommunizieren zu können, dass ich Karotten kaufen wollte.
An unserem ersten Arbeitstag führte uns eine Mitarbeiterin herum und nahm uns mit zur Schule, um die Kinder abzuholen. Ich war total aufgeregt, die Kinder kennenzulernen, und gleichzeitig etwas nervös, welchen Eindruck ich wohl auf sie machen würde. Wie ich es auch erwartet hatte, dauerte es seine Zeit, bis die Kinder Vertrauen zu mir aufbauten. Als es dann so weit war, war es eines der schönsten Gefühle. Genau deshalb fällt es mir jetzt auch so schwer, sie hier zu lassen. Ich habe die Kinder so sehr ins Herz geschlossen und möchte mich gar nicht von ihnen verabschieden. Man hat in der Zeit mit ihnen so viel erlebt und ihnen eben auch irgendwie beim Wachsen und Entwickeln zugesehen.
Bei manchen Kindern durfte ich sehen, wie sich ihre Sprache langsam, aber sicher deutlich verbesserte. Andere Kinder konnten noch vor einigen Monaten keine zwei Minuten still am Essenstisch sitzen und haben jetzt kein Problem damit, zehn Minuten nichts zu machen. Diese Entwicklungen sind toll zu sehen – genauso wie das Erwachsenwerden und das In-die-Pubertät-Kommen einiger Kinder. Leider ist es aber auch so, dass es teilweise Rückbildungen in der Entwicklung geben kann und sich Zustände verschlechtern können, was für mich in den letzten Wochen besonders hart mit anzusehen war. Hier musste ich aber auch lernen, damit umzugehen und trotz fehlenden Fortschritts dieses Kind weiter anzufeuern und zu unterstützen.
Denn neben der Entwicklung der Kinder würde ich auch sagen, dass ich selbst sehr viel dazugelernt habe und an mir in dieser Zeit gewachsen bin. Durch die neue Erfahrung, in einer WG anstatt bei meiner Mutter zu wohnen, habe ich nicht nur gemerkt, wie viel im Haushalt zu tun ist, sondern auch, wie es ist, mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammenzuleben. Das bedeutet für mich, sich auf die Leute einzulassen, aber gleichzeitig auch zu merken, wo meine Grenzen liegen und was meine Bedürfnisse sind – und diese dann auch zu kommunizieren.
Die Konfrontation mit einer fremden Kultur und Sprache lehrte mich, dass es immer einen Weg gibt, sich zu verständigen, auch wenn es manchmal nur mit Händen und Füßen ist. Außerdem war es für mich super spannend, in den kulturellen Austausch zu gehen. Denn genauso, wie für mich Dinge der ecuadorianischen Kultur manchmal komisch erscheinen, geht es ihnen mit Dingen, die ich tue oder ihnen aus Deutschland erzähle. Das geht von Essen über Redewendungen bis hin zu der Art und Weise, wie man handelt.
Was ich auf jeden Fall mitnehmen möchte, ist die herzliche, hilfsbereite und offene Art der Ecuadorianer. Die Menschen waren meiner Erfahrung nach in den meisten Fällen so lieb und offenherzig und gaben einem wirklich das Gefühl, willkommen zu sein. Das fängt damit an, dass man von den Frauen in den Tiendas (kleinen Kiosken) ständig „meine Tochter“, „mein Herz“ oder sogar „mein Leben“ genannt wird. Aber auch sonst nehmen sich die Leute immer die Zeit, Fragen zu beantworten, wenn ich mal nicht wusste, wo ich hinmusste, oder etwas einfach nicht verstanden habe.
Was mich, denke ich, jedoch am meisten geprägt hat, ist die Arbeit mit den Kindern. Denn auch wenn die Arbeit manchmal anstrengend war, hat es so unglaublich viel Spaß gemacht, da man mit ihnen immer etwas zu lachen hatte. Diese besondere Bindung, die sich zu ihnen aufbaut, ist einfach unbezahlbar.
Neben technischen Skills, die mir die Educadoras beigebracht haben, wie zum Beispiel, wie man Maniok richtig schält oder traditionelle ecuadorianische Gerichte zubereitet, habe ich vor allem gelernt, kreativ zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Ich würde von mir behaupten, dass ich schon früh gelernt habe, Verantwortung zu übernehmen. Allerdings ist es noch einmal etwas ganz anderes, für andere Kinder verantwortlich zu sein als für sich selbst.
Denn natürlich war ich immer mit einer Educadora, die am Ende des Tages verantwortlich ist. Allerdings gibt es schon Situationen, in denen man selbst gerade der oder die Erwachsene ist und die Kinder darauf vertrauen müssen, dass man die richtige Entscheidung trifft und gut auf sie aufpasst. Als frische 18-Jährige ist dies eine komplett neue Rolle und kann erst einmal beängstigend sein. Doch mit der Zeit lernt man dazu und wird immer sicherer in seiner Rolle.
Zudem sind bei der Arbeit mit Kindern meiner Meinung nach Kreativität und Spontaneität zwei der wichtigsten Komponenten. Denn für eine Lösung bei einem Streit zwischen zwei drei Jahre alten Kindern, der für einen Erwachsenen erst einmal banal erscheint, braucht es manchmal spontan einen guten Einfall. Oder auch, wenn eine komplizierte Sache einfach erklärt werden muss. Natürlich aber vor allem, wenn es darum geht, sich einen genialen Zeitvertreib in Form eines guten Spiels auszudenken.
Ich kann also sagen, dass ich durch die verschiedenen Bereiche meiner Zeit in Ecuador auf unterschiedliche Art und Weise gewachsen bin und viel dazugelernt habe. Wahrscheinlich fällt mir aber im Nachhinein, wenn ich wieder in meiner alten Umgebung in Deutschland bin, noch viel mehr auf, in welchen Aspekten ich mich weiterentwickelt habe.
Auf meine Ankunft in Deutschland schaue ich mit einem gemischten Gefühl. Ich freue mich schon sehr darauf, meine Freunde und Familie endlich wiederzusehen und auch mein Lieblingsessen endlich wieder essen zu können. Allerdings fühle ich mich nicht bereit, mich von meinem Leben hier zu verabschieden. Ich habe hier meine Routine: meine Arbeit, meine WG, meine Restaurants, in die ich gerne gehe, meine Freizeitaktivitäten – ja, und irgendwie auch mein Leben.
Deutschland fühlt sich dabei so weit weg und ungreifbar an und damit einhergehend auch mein Leben dort. Zumal ich sowieso vier Wochen nach meiner Ankunft für das Studium umziehen werde und sich damit erneut alles ändern wird. Doch ich denke, das gehört zum Leben dazu und genau deshalb ist es eben auch nicht einfach. Alles neigt sich irgendwann dem Ende zu und so eben auch mein Freiwilligendienst, auch wenn es mir super schwerfallen wird, mich von Ecuador und seinen Leuten verabschieden zu müssen.
Ich möchte mich hier noch einmal ausdrücklich bei der Ecuador Connection bedanken, die es mir ermöglicht hat, meinen Traum eines Freiwilligendienstes zu verwirklichen und alles so gut zu organisieren. Die Seminare zur Vorbereitung und auch das Zwischenseminar im Februar waren Einheiten, die mir total geholfen haben, sowohl das Konzept von Freiwilligendiensten im Allgemeinen als auch natürlich insbesondere meinen eigenen besser zu verstehen. Zudem hatten wir immer Ansprechpartner für jede Situation und mussten meistens nicht lange auf eine Rückmeldung aus Deutschland, zu egal welchem Thema, warten.
Hinzufügend möchte ich mich auch bei der Fundación Cristo de la Calle bedanken, uns Freiwillige hier so toll und herzlich aufgenommen zu haben. Ich habe mich wie ein Teil der „Arbeitsfamilie“ gefühlt und durfte so viele nette Menschen durch meine Arbeit kennenlernen.
Muchas gracias, Ecuador, nos vemos pronto