Die letzten Zeilen eines Zuhauses
Vor mir steht derselbe Koffer, mit dem ich vor fast einem Jahr nach Ecuador geflogen bin. Damals war er gefüllt mit Kleidung, Erwartungen und einer gehörigen Portion Unsicherheit. Heute steht derselbe Koffer wieder vor mir. Nur fühlt er sich deutlich schwerer an. Nicht wegen der Souvenirs oder der Kleidung, sondern wegen all der Erinnerungen, die in keinen Koffer dieser Welt passen.
Während ich diese Zeilen schreibe, werden die letzten Tage langsam gezählt. Menschen verabschieden sich von mir. Orte, die vor einem Jahr noch völlig fremd waren, fühlen sich plötzlich vertraut an. Routinen, die längst selbstverständlich geworden sind, werde ich bald zum letzten Mal erleben.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl.
Vor einem Jahr konnte ich es kaum erwarten, endlich nach Ecuador aufzubrechen.
Heute frage ich mich, wie ein ganzes Jahr gleichzeitig so lang und so unglaublich kurz sein konnte.
Als ich mich für einen Freiwilligendienst entschied, hatte ich eine ziemlich romantische Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Irgendwo tief in meinem Kopf sah ich mich durch den Regenwald laufen, Bäume pflanzen und mit exotischen Tieren arbeiten.
Das Leben hatte offensichtlich andere Pläne.
Statt im Amazonas landete ich mitten in Quito. Genauer gesagt in Carcelén – einem Stadtteil, der wahrscheinlich nie einen Preis für seine touristische Attraktivität gewinnen wird. Meine Wohnung lag direkt über meiner Einsatzstelle. Mein täglicher Arbeitsweg bestand also darin, morgens die Wohnungstür zu öffnen und die Treppe nach unten zu laufen.
Kürzer hätte mein Arbeitsweg wirklich nicht sein können.
Wenn mich heute jemand fragt, wie mein Freiwilligendienst war, könnte ich natürlich von Vulkanen erzählen. Von den Galápagosinseln. Vom Amazonas. Von unzähligen Busfahrten durch die Anden oder von all den Orten, die ich entdecken durfte.
Aber das wäre nur die halbe Wahrheit.
Denn dieses Jahr bestand nicht aus Sehenswürdigkeiten.
Es bestand aus Menschen.
Aus einer Sekretärin, der ich fast jeden Morgen einen Kaffee brachte.
Aus einem Fahrer, mit dem ich Metal hörte und über Gott und die Welt sprach.
Aus Kindern, die den Bus jeden Nachmittag in eine Karaoke-Party verwandelten.
Aus Freunden, die innerhalb weniger Monate zu Brüdern wurden.
Aus Arbeitskollegen, die mich mit einem Augenzwinkern davon überzeugen wollten, in Ecuador ein deutsches Restaurant zu eröffnen – natürlich wegen der Spätzle und der vegetarischen Lasagne.
Und aus einem 28-jährigen Mann, der mitten im Amazonas plötzlich wieder zu dem kleinen Jungen wurde, der schon immer davon geträumt hatte, einmal durch den Regenwald zu laufen.
Wenn ich eines in diesem Jahr gelernt habe, dann wahrscheinlich das:
Man reist wegen der Orte.
Aber man erinnert sich wegen der Menschen.
Denn diese Geschichte handelt nicht nur davon, wie ich Ecuador kennengelernt habe.
Sie handelt davon, was Ecuador aus mir gemacht hat.
Wichtige Menschen
So sehr Quito im Laufe des Jahres zu meinem Zuhause wurde, zog es mich immer wieder nach Ibarra.
Dort lebten die anderen Freiwilligen meiner Organisation.
Und um ehrlich zu sein…
Ibarra bedeutete für mich meistens eins: sonntags verkatert mit dem Bus zurück nach Quito fahren.
Und obwohl ich dort nie wohnte, fühlte ich mich jedes Mal willkommen. Die Tür stand eigentlich immer offen. Oft wurde zusammen gekocht, Karten gespielt oder einfach stundenlang geredet. Und natürlich wurde auch gefeiert.
Unser Stammlokal war das Infinity. Ein Club, in dem ich mich manchmal fragte, ob ich mit meinen 28 Jahren nicht doch langsam zu den älteren Gästen gehörte. Der Altersdurchschnitt der anderen Freiwilligen lag irgendwo zwischen 18 und 21 Jahren.
Und dann war da ich. Der Onkel. Natürlich blieb das nicht unkommentiert. Über mein Alter wurden regelmäßig Witze gemacht.
Und ehrlich gesagt… Ich machte meistens selbst die meisten davon. Komischerweise spielte das Alter aber nie eine wirkliche Rolle.
Im Gegenteil.
Obwohl ich der Älteste war, hatte ich wahrscheinlich das größte innere Kind von uns allen. Ich war der Trottel, der jeden Blödsinn mitmachte. Der bei jedem Spiel dabei war. Der sich für keinen schlechten Witz zu schade war. Und trotzdem hatte ich irgendwie immer noch einen halbwegs klugen Spruch auf Lager. Zumindest rede ich mir das bis heute ein.
Besonders geprägt haben mich vier Menschen.
Daniel und Jakob wurden im Laufe des Jahres zu kleinen Brüdern. Mit ihnen konnte ich über alles sprechen. Wir lachten zusammen, reisten zusammen und sammelten Erinnerungen, die mich vermutlich mein ganzes Leben begleiten werden.
Dann war da Kasimir. Er war oft der ruhigste von uns. Kein Mensch, der ständig im Mittelpunkt stehen musste. Aber genau deshalb war er für die Gruppe unglaublich wichtig.
Und schließlich Joschka. Unser wandelndes Geschichtsbuch. Wenn irgendwo eine Frage über den Zweiten Weltkrieg, historische Ereignisse oder irgendein kurioses Detail auftauchte, musste man eigentlich nur Joschka anschauen. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass er die Antwort bereits kannte. Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl, Wikipedia würde heimlich neben mir sitzen.
Was ich an dieser Gruppe besonders mochte, war allerdings etwas anderes.
Alle hatten Abitur und waren unglaublich klug. Manchmal fragte ich mich ernsthaft, wie ich da überhaupt hineinpassen sollte. Ich war der Hauptschüler. Zumindest auf dem Papier.
Irgendwann wurde genau das zu unserem Running Gag.
Sie lieferten die Fakten und ich die Lebensweisheiten. Ob die am Ende wirklich weise waren, sei mal dahingestellt. Aber irgendwie funktionierte genau diese Mischung erstaunlich gut. Vielleicht war genau das das Schöne an diesem Jahr. Niemand interessierte sich dafür, welchen Schulabschluss man hatte.
Wichtig war nur, was für ein Mensch man war. Und genau deshalb fühlte sich diese Gruppe irgendwann wie eine zweite Familie an.
Bis bald, Ecuador
Und plötzlich waren sie da.
Die letzten Tage.
Monatelang hatte ich gedacht, dieses Jahr würde ewig dauern. Doch auf einmal bestand mein Alltag nur noch aus Abschieden.
Der letzte Kaffee mit Durga.
Der letzte Arbeitstag in der Sala Amor.
Die letzte Busfahrt.
Die letzte Umarmung.
Immer häufiger hörte ich den Satz:
„No es un adiós. Es un hasta luego.“ Es ist kein Abschied. Es ist ein Bis später.
Ich wollte diesen Satz glauben. Und vielleicht tue ich das bis heute. Denn Abschiede fallen leichter, wenn man sich ein Wiedersehen offenlässt.
Die letzten Tage in der Fundación waren emotionaler, als ich erwartet hatte. Menschen, die vor einem Jahr noch völlig fremd gewesen waren, waren inzwischen Teil meines Alltags geworden. Sie alle hatten dieses Jahr auf ihre ganz eigene Weise geprägt. Mir wurde in diesen Momenten bewusst, dass ein Freiwilligendienst nie nur aus Projekten oder Aufgaben besteht.
Er besteht aus Beziehungen. Und genau die machen einen Abschied so schwer. Auch außerhalb der Arbeit wurde mir langsam klar, was ich zurücklassen würde.
Die Mittage mit Lena und Talea.
Die Wochenenden in Ibarra.
Daniel und Jakob, die für mich längst zu Brüdern geworden waren.
Kasimir mit seiner ruhigen Art und Joschka das Lexikon.
Vor einem Jahr kannte ich keinen dieser Menschen. Heute kann ich mir mein Leben ohne die Erinnerungen mit ihnen kaum noch vorstellen. Dann kam der Moment, vor dem ich mich unbewusst das ganze Jahr gedrückt hatte.
Das Packen.
Vor mir stand derselbe Koffer, mit dem ich fast ein Jahr zuvor nach Ecuador geflogen war. Damals war er voll mit Kleidung, Erwartungen und einer gehörigen Portion Unsicherheit.
Jetzt lag wieder alles darin:
Meine Kleidung.
Ein paar Mitbringsel.
Fotos.
Kleine Erinnerungsstücke.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass dieser Koffer viel schwerer geworden war. Nicht wegen seines Inhalts. Sondern wegen all der Erinnerungen, die man in keinen Koffer dieser Welt packen kann.
Als ich damals im Flugzeug nach Quito saß, sagte ich zu meiner damaligen Freundin:
„Das wird für ein Jahr unser Zuhause.“
Damals konnte ich nicht ahnen, wie recht dieser Satz einmal werden würde. Ecuador war nie nur das Land, in dem ich meinen Freiwilligendienst absolvierte.
Es wurde ein Zuhause:
Ein Ort voller Menschen, die mich zum Lachen brachten.
Die mich herausforderten.
Die mich aufnahmen, obwohl ich ihre Sprache kaum sprach.
Die mir zeigten, dass Heimat manchmal viel weiter entfernt sein kann, als man denkt.
Ich bin nach Ecuador gereist, weil ich unterstützen wollte. Zurück fliege ich mit der Erkenntnis, dass dieses Land mindestens genauso viel für mich getan hat.
Es hat mich geduldiger gemacht.
Offener und dankbarer.
Und es hat mir gezeigt, dass die schönsten Erinnerungen selten geplant sind.
Sie entstehen irgendwo zwischen einer Tasse Kaffee am Morgen, einer viel zu lauten Busfahrt, einem Teller Spätzle für 25 Menschen oder einem Sonnenuntergang mitten im Amazonas.
Heute sitze ich wieder vor meinem Koffer.
Doch diesmal weiß ich: Ich nehme weit mehr mit nach Hause, als jemals hineingepasst hat.
Danke, Ecuador – für alles.
Hasta luego