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Antonia - 2. Bericht

Jetzt bin ich schon seit sechs Monaten hier in Ecuador

und die Zeit ist seitdem wirklich verflogen.

Seit meinem letzten Bericht hat sich in meinem Alltag eigentlich nicht besonders viel verändert. In den vergangenen Monaten haben sich viele Routinen entwickelt, wodurch sich das Leben hier inzwischen ziemlich normal anfühlt.

Auch die Arbeit im Casa ist mir mittlerweile vertraut geworden, da ich die Kinder und Educadoras nun gut kenne. Gleichzeitig habe ich nach und nach mehr über die Hintergründe der Kinder erfahren, was mir persönlich hilft, bestimmte Situationen besser einzuordnen. Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass einige Kinder in Konfliktsituationen Gewalt manchmal als einzige Lösung wahrnehmen. Zu verstehen, dass viele Verhaltensweisen eng mit früheren Erfahrungen zusammenhängen, hat mir geholfen, ruhiger und verständnisvoller zu reagieren. Gleichzeitig wird mir dadurch immer wieder bewusst, wie stark Erwachsene Kinder prägen und wie viel Verhalten sie sich von ihrem Umfeld abschauen.

Besonders hilfreich sind für mich dabei die monatlichen Besprechungen (réunion) mit Claudia, der Leiterin der Fundación. Dort sprechen wir darüber, wie wir die Arbeit im Casa erleben und wie es uns dabei geht. Wenn wir von herausfordernden Situationen berichten, erklärt Claudia uns häufig Hintergründe oder Zusammenhänge, die uns helfen, das Verhalten einzelner Kinder besser zu verstehen. Auch wenn diese Treffen manchmal bedrückend sind, vor allem wenn es um persönliche Lebensgeschichten geht, machen sie mir deutlich, wie stark vergangene Erfahrungen den Alltag von Menschen beeinflussen können.

Gleichzeitig geben die Réunions aber auch Anlass zur Hoffnung, da immer wieder über die Zukunftsperspektiven der Kinder gesprochen wird. Seit November wurde bereits ein Kind adoptiert und ein anderes konnte zurück zu seiner Familie. Einige weitere Kinder befinden sich momentan im Adoptionsprozess, der allerdings viel Zeit in Anspruch nimmt. Soweit ich es verstanden habe, wird zunächst geprüft, ob Familienmitglieder die Betreuung übernehmen können, bevor nach einer Adoptivfamilie gesucht wird. Gerade deshalb freue ich mich jedes Mal besonders, wenn ich höre, dass für ein Kind eine passende Familie gefunden wurde.

Trotzdem fällt es mir schwer, an den Abschied von den Kindern zu denken, weil ich im Laufe der Monate viel Zeit mit ihnen verbracht habe und sie mir sehr ans Herz gewachsen sind. Gleichzeitig überwiegt natürlich die Freude darüber, wenn sie die Möglichkeit bekommen, in einem familiären Umfeld aufzuwachsen.

Neben der Arbeit im Casa verbringen wir viele Wochenenden damit, Ecuador kennenzulernen. Immer wieder fällt mir dabei auf, wie vielfältig das Land ist, da man ständig neue Empfehlungen bekommt, sobald man Menschen fragt, welche Orte sehenswert sind.

Durch diese Ausflüge habe ich Ecuador noch einmal ganz anders wahrgenommen. Vor meinem Freiwilligendienst hatte ich das Land ehrlich gesagt nicht besonders auf dem Schirm, inzwischen beeindruckt mich aber immer wieder, wie unterschiedlich die Regionen innerhalb kurzer Distanzen sind.

Vor einigen Wochen sind Hanna, Elena und ich beispielsweise zum Chimborazo, dem höchsten Berg Ecuadors, gefahren. Schon während der Fahrt konnte man beobachten, wie sich die Landschaft mit zunehmender Höhe verändert. Nachdem wir so weit hochgefahren waren, wie es möglich war, sind wir von dort aus noch etwa eine Stunde weitergelaufen. Den Aufstieg fand ich ziemlich anstrengend, weil wir auf ungefähr 4900 Metern gestartet sind und bis auf etwa 5100 Meter hochlaufen wollten. Vor allem die Höhe hat man dort oben deutlich gemerkt, weshalb wir beim Laufen viele Pausen gemacht haben. Umso schöner war es dann, dort oben anzukommen. Außerdem hatten wir Glück mit dem Wetter und konnten den Gipfel des Chimborazo sehen.

Einige Wochen zuvor waren wir in Mindo, einem Ort im Nebelwald nordwestlich von Quito. Besonders spannend fand ich dort den starken Kontrast zu unserem Alltag in der Andenregion. Da Mindo deutlich tiefer als Ibarra liegt, verändert sich auch das Klima spürbar. Die Luft war viel feuchter und selbst unsere Handtücher wurden teilweise gar nicht richtig trocken. In Mindo haben wir eine Wanderung zu einem Wasserfall gemacht und außerdem eine Kolibri-Station besucht, wo wir die Tiere aus nächster Nähe beobachten konnten.

Gerade diese beiden Ausflüge haben mir noch einmal gezeigt, wie vielfältig Ecuador ist. Zwar hatte ich vorher schon gehört, dass Ecuador verschiedene geografische Regionen hat, trotzdem war es etwas anderes, das selbst zu erleben und innerhalb weniger Stunden entweder in einer Hochgebirgslandschaft oder mitten im Nebelwald zu sein.

Deshalb freue ich mich sehr auf die kommenden Monate hier und bin gespannt, welche Orte, Erfahrungen und Begegnungen noch auf mich warten. Auch wenn sich vieles inzwischen wie Alltag anfühlt, merke ich immer wieder, wie besonders diese Zeit für mich ist.