Mein Liebesbrief an Ecuador
Ich kann kaum glauben, dass es so weit ist: In weniger als einer Woche werde ich wieder in Deutschland sein. Der Gedanke an „Zuhause“ fühlt sich nach eineinhalb Jahren in Ecuador ungewohnt und fast fremd an.
Ich weiß, dass viele mich fragen werden, wie es war oder was der schönste Moment gewesen ist. Und ich merke jetzt schon, dass ich darauf keine einfache Antwort habe. Es gab nicht den einen perfekten Augenblick oder die eine besondere Reise. Die gesamten eineinhalb Jahre waren für mich etwas Besonderes. Es war nicht alles leicht, nicht alles perfekt, aber es war eine unglaublich wertvolle und prägende Zeit.
In Ecuador habe ich nicht nur eine neue Sprache gelernt, sondern vor allem eine neue Perspektive auf das Leben gewonnen. Ich habe ein neues Zuhause gefunden. Tatsächlich fühlt es sich weniger so an, als würde ich jetzt nach Hause zurückkehren vielmehr fühlt es sich an, als würde ich ein Zuhause verlassen.
Auch wenn ich in dieser Zeit umgezogen bin, hat sich Ecuador für mich immer vertraut angefühlt. Anfangs musste ich mich an die Lautstärke, an das Chaos und an die Lebendigkeit gewöhnen. Doch genau das habe ich lieben gelernt. Musik aus offenen Geschäften, Stimmen auf der Straße, Menschen, die miteinander sprechen – all das erfüllt die Straßen mit Leben. Für mich bedeutet diese Geräuschkulisse Freude und Gemeinschaft. Ich kann mir kaum noch vorstellen, durch ruhige, stille Straßen zu gehen, ohne Musik.
Was mich besonders berührt hat, ist die Herzlichkeit der Menschen. Durch die Kinder und Klient*innen in Ibarra und Quito durfte ich erleben, wie viel Liebe, Stärke und Lebensfreude Menschen trotz schwieriger Lebensumstände geben können. Ecuador ist ein faszinierendes Land nicht nur wegen seiner beeindruckenden Natur, sondern vor allem wegen seiner Menschen.
Ich bin dankbar, die Kultur so intensiv kennengelernt zu haben. Wenn man eingeladen wird, bringt man selbstverständlich eine Kleinigkeit mit als Zeichen der Wertschätzung. Diese Geste zeigt Dankbarkeit und Respekt. Die Häuser sind oft bunt und detailreich eingerichtet, manchmal kitschig, aber immer lebendig und warm. Familienfotos hängen an den Wänden und erzählen Geschichten. Alles wirkt persönlich und einladend.
Auch das Essen ist Ausdruck von Gemeinschaft. Reis, Bohnen, Kochbananen, frischer Käse, Suppen und frisch gepresste Säfte die Gerichte sind einfach, aber voller Seele. Essen ist hier keine Nebensache, sondern ein Moment des Zusammenseins. Man isst gemeinsam, man nimmt sich Zeit, man teilt.
Besonders beeindruckt hat mich die Haltung „Mi casa es tu casa“, die nicht nur ein Spruch ist, sondern gelebt wird. Türen stehen offen, Menschen teilen, selbst wenn sie wenig besitzen. Ich habe gelernt, dass Großzügigkeit keine Frage des materiellen Reichtums ist, sondern eine innere Haltung.
Gleichzeitig habe ich auch die sozialen Herausforderungen des Landes wahrgenommen. Neben kulturellem Reichtum und landschaftlicher Schönheit existieren Ungleichheiten und strukturelle Schwierigkeiten. Gerade diese Gegensätze haben mich viel gelehrt. Ich habe gelernt, genauer hinzusehen; nicht nur die Postkartenmotive zu bewundern, sondern auch die gesellschaftlichen Realitäten wahrzunehmen und meinen eigenen Platz darin zu reflektieren.
Und dann ist da noch die Natur. Vielleicht erscheint es manchen nebensächlich, aber ich habe mich zutiefst in die Berge verliebt. Fast überall sieht man Gebirgsketten oder Vulkane am Horizont. Diese Weite, diese Präsenz der Natur hat mir Kraft gegeben. Schon auf Reisen innerhalb des Landes haben mir die Berge gefehlt. Ich weiß nicht, wie es sein wird, ohne sie.
Für ein vergleichsweise kleines Land ist Ecuador unglaublich vielfältig: Regenwald, Andenregion, Küste und die einzigartigen Galápagos-Inseln jede Region mit eigenem Klima, eigener Kultur und eigener Atmosphäre. Diese Vielfalt hat mich immer wieder staunen lassen.
Auch das Tanzen ist ein Teil meiner Ecuador-Erfahrung geworden. Zehn Monate lang habe ich einen Salsa-Kurs besucht und dabei meine Liebe zum Tanzen noch einmal neu entdeckt. Musik wird hier nicht nur gehört, sondern gefühlt. In Clubs tanzen alle Generationen miteinander: es geht um Freude, um Ausdruck, um Gemeinschaft. Auch darin zeigt sich die Lebendigkeit dieses Landes.
Selbst die Alltäglichkeit hat mich beeindruckt; vieles wird unkompliziert über WhatsApp organisiert, vieles wirkt pragmatisch und flexibel. Diese Einfachheit hat dazu beigetragen, dass ich mich in einem für mich zunächst fremden Land zuhause fühlen konnte. Ecuador hat mir gezeigt, dass zuhause kein fester Ort ist, sondern ein Gefühl.
Ich durfte in dieser Zeit unzählige wertvolle Erfahrungen sammeln sowohl persönlich als auch beruflich. Zwei unterschiedliche Arbeitsstellen kennenzulernen hat mich wachsen lassen und meinen Blick auf soziale Realitäten erweitert.
Für all das empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Für die Menschen, die mich begleitet haben. Für die Begegnungen. Für die Herausforderungen. Für das Lernen. Ecuador und diese eineinhalb Jahre werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben als ein prägender und bedeutender Teil meines Lebens.