Zwischenbericht – 3 Monate Freiwilligendienst in Ecuador
Einleitung
Mit 28 Jahren einen Freiwilligendienst zu beginnen, ist eher ungewöhnlich. Viele meiner Mitfreiwilligen kommen direkt aus der Schule oder dem Abitur, während ich bereits eine abgeschlossene Ausbildung als Jugend- und Heimerzieher und mehrere Jahre Berufserfahrung mitbringe. Genau diese gefestigte Phase meines Lebens war jedoch der Ausgangspunkt für meinen Wunsch nach Veränderung. Das Fernweh und der Drang nach neuen Perspektiven wurden zu groß. Trotz zahlreicher bürokratischer Stolpersteine – das Wort „Apostille“ möchte ich nicht so schnell wieder hören – machte ich mich schließlich auf den Weg nach Ecuador.
Dieser Bericht fasst meine Erfahrungen, Herausforderungen, persönlichen Entwicklungen und ersten Beobachtungen der ersten drei Monate zusammen.
Ankommen in Ecuador – ein langsamer Start
Der Abschied in Deutschland war emotional herausfordernd. Alles hinter mir zu lassen, mein WG-Zimmer zu kündigen, meinen Besitz auf drei Kartons zu reduzieren und mich von Freunden und meiner Großmutter zu verabschieden, war schmerzhaft. Trotz meiner Flugangst stieg ich in den Flieger nach Ecuador und erreichte schließlich Quito. Die herzliche Begrüßung durch Rita und Jaqueline gab mir ein erstes Gefühl von Sicherheit. Doch der Start verlief holprig: Drei Wochen lang litt ich unter starkem Jetlag und Schlafmangel. Hinzu kam, dass ich aufgrund von Visumsproblemen zunächst nicht im Projekt arbeiten durfte. Stattdessen verbrachte ich die Zeit in der Sprachschule, lernte die Stadt kennen und kämpfte gleichzeitig mit einer depressiven Phase. In dieser für mich persönlich schwierigen Zeit waren Lena und Talea eine große Unterstützung. Sie nahmen mich von Anfang an an die Hand und halfen mir, in Quito Fuß zu fassen. Ohne die beiden wäre die Anfangszeit sehr viel einsamer und belastender gewesen.
Die Sprache – ein langsamer, mühsamer Weg
Die Sprache zu lernen, fällt mir tatsächlich schwer – trotz Sprachschule. Im ersten Monat war ich vor allem mit dem Ankommen beschäftigt, im zweiten Monat mit der Trennung. Erst jetzt komme ich langsam in die Sprache rein. Den anderen Mitfreiwilligen scheint es oft leichter zufallen, was frustrierend sein kann, aber ich gebe nicht auf. Jeder Fortschritt motiviert mich weiterzumachen, auch wenn er klein ist.
Die Arbeit im Projekt – zwischen Routine und Kreativität
Nach fünf Wochen durfte ich endlich in Camp Hope anfangen. Die Arbeit mit Menschen ist mir nicht neu, nur die Arbeit mit Menschen mit Behinderung. In diesem Bereich hatte ich bisher wenig praktische Erfahrung. Ich erlebte den Alltag im Projekt als deutlich strukturierter und weniger flexibel als meine bisherige pädagogische Arbeit. Therapien standen im Vordergrund – Sprachtherapie, motorische Einheiten und kognitive Förderung.
Manches davon empfand ich als eintönig. Gleichzeitig merkte ich aber schnell, dass ich meine eigenen Stärken einbringen konnte: Humor, Bewegung, Motivation. Ich begann, täglich eine Stunde mit einer Klientin joggen zu gehen oder in ruhigen Phasen draußen Bewegungsangebote zu schaffen. Für viele Klienten war das eine willkommene Abwechslung – und für mich eine Möglichkeit, das Arbeitsfeld aktiver und lebendiger zu gestalten.
Das Team nahm diese Impulse positiv auf und schätzte meinen Beitrag. Trotzdem sehe ich im Projekt strukturelle Herausforderungen: sehr feste Abläufe, wenig Zeit für individuelle Förderung und ein gewisser Mangel an Ressourcen. Die Mitarbeiter*innen leisten viel, aber oft wirkt das System überlastet. Das zu sehen ist nicht einfach – es motiviert mich aber, im Rahmen meiner Möglichkeiten Verbesserungsideen einzubringen.
Leben in Quito – Beobachtungen und Irritationen
Einen klassischen Kulturschock hatte ich nicht. Viele Unterschiede waren interessant, einige herausfordernd, aber nichts war für mich unüberwindbar. Die Vorbereitungsseminare haben mich gut auf das Leben in Lateinamerika eingestellt.
Trotzdem gibt es kulturelle Aspekte, die mich nach wie vor irritieren:
Beziehungen: Die Frage „¿Tienes novia?“ (Hast Du eine Freundin?) kommt sehr schnell. Und selbst wenn man „ja“ sagt, scheint das für manche Menschen kein Hinderungsgrund zu sein, weiterzuflirten. Ein völlig anderer Umgang als in Deutschland.
Freundlichkeit: Ecuadorianer*innen gelten oft als besonders freundlich. Das stimmt teilweise, aber auch hier gibt es reservierte oder unfreundliche Menschen – letztlich ist Ecuador keine romantisierte Idealversion eines Landes, sondern ein ganz normales Land mit unterschiedlichen Charakteren.
Status als „Gringo“: Man wird schnell in diese Kategorie eingeordnet. Das ist nicht unbedingt negativ, aber es beeinflusst die Art, wie man wahrgenommen wird. Manchmal bekommt man Hilfe, manchmal höhere Preise, manchmal neugierige Fragen oder man wird bevorzugt. Diese Rolle bewusst anzunehmen ist nicht immer leicht.
Gleichzeitig habe ich Quito bereits als ein Zuhause auf Zeit angenommen. Die Stadt ist laut, lebendig, chaotisch, aber auch warmherzig und vielfältig. Der Alltag ist mir vertrauter geworden.
Reflexion – Welche Rolle habe ich hier?
In den ersten drei Monaten habe ich oft zwischen den Rollen gependelt: Tourist, Freiwilliger, Pädagoge, Beobachter, Lernender. Ich bin kein Ecuadorianer und werde es auch nicht sein – aber ich bin auch kein reiner Tourist. Meine Position liegt irgendwo dazwischen: Teil des Projekts, eingebunden in einen Arbeitsalltag, aber gleichzeitig mit Privilegien ausgestattet, die viele Menschen hier nicht haben. Reisen, Freizeit, finanzielle Sicherheit – das alles ist ein Luxus, dessen ich mir bewusster geworden bin.
Gleichzeitig frage ich mich auch kritisch:
- Wie nachhaltig ist meine Arbeit?
- Wo helfe ich wirklich – und wo diene ich eher mir selbst?
- Welche Verantwortung trage ich als europäischer Freiwilliger in einem lateinamerikanischen Land?
Diese Fragen sind nicht abgeschlossen. Sie begleiten mich und werden meinen Dienst weiter prägen.
Fazit nach drei Monaten
Die ersten drei Monate waren intensiv, herausfordernd und teilweise sehr schwer – aber auch bereichernd und prägend. Ich habe viel über meine eigenen Grenzen gelernt, über Geduld, über Anpassung, über kulturelle Unterschiede und vor allem über mich selbst. Ecuador ist für mich inzwischen mehr als ein Einsatzland. Es ist ein Ort geworden, an dem ich wachse – beruflich, emotional und menschlich. Ich sehe kritisch auf manches, aber auch mit großer Wertschätzung auf das, was ich erleben darf.
Ich bin gespannt, welche Entwicklungen, Herausforderungen und Erkenntnisse die nächsten Monate mit sich bringen.