✉ info@ecuador-connection.org

☎ (+49) 30/43 65 55 88

Vinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.xVinaora Nivo Slider 3.x

Antonia Ruoff - 3. Bericht

Sexismus

Schon bevor ich nach Ecuador gekommen bin, wurde mir von allen erzählt wie sexistisch Südamerika sei, dass ein total verschobenes Frauenbild herrsche und dass ich auf mich aufpassen sollte. Und ja: Vieles hat sich leider tatsächlich bestätigt. Ich merke schon bei den Kindern aus der Arbeit, dass Mädchen als viel schwächer angesehen werden. Aber wen wundert das, wenn man sich mal die Vergangenheiten der Kinder anschaut und ziemlich schnell bemerkt, wie allgegenwärtig häusliche Gewalt vor allem an Frauen ist oder wie früh viele Ecuadorianerinnen schwanger werden. Es gibt Extremfälle von Mädchen, die bereits mit 13 bis 14 Jahren ein Kind bekommen, allerdings ist es hier generell „normal“, dass Frauen schon mit Anfang 20 Mutter werden. Neben geplanten Schwangerschaften gibt es auch zahlreiche Frauen die ungewollt schwanger werden, da hier keine ausführliche Aufklärung stattfindet und Abtreibungen strafrechtlich verfolgt werden. Über Alternativen wie die Pille danach, sind viele gar nicht informiert und/oder fürchten sich vor verurteilenden Blicken konservativer Apotheker und den starken Nebenwirkungen. Frühe Schwangerschaft ist in einem stabilen Umfeld nicht immer gleich ein Problem, leider ist es dennoch oft ein Teufelskreis: Man wird früh schwanger, hat somit keine Zeit zu studieren um einen akademischen Beruf auszuüben oder sich selbst richtig zu verwirklichen und schlussendlich bleibt man dann doch abhängig vom Ehemann, der einen im schlimmsten Fall verlässt oder gar misshandelt. Denn die Quote häuslicher Gewalt ist erschreckend hoch: Laut einer Studie sind in Ecuador von 2014 bis 2018 ca. 600 Frauen durch häusliche Gewalt getötet worden, mehr als 80% durch ihren Partner (El Comercio, 2018). Dass man von seinem Partner, dem man doch eigentlich so vertrauen sollte wie keinem anderen, misshandelt und verachtet, ja sogar getötet wird, ist für mich unbegreiflich. Neben all diesen erschreckenden Fakten hat mich aber vor allem eines schockiert: viele Frauen scheinen Illoyalität und Untreue zu akzeptieren. So werde ich zum Beispiel ungläubig angeschaut wenn ich erzähle, dass ich es nicht für normal empfinde wenn ein Beziehungspartner fremdgeht.

Südamerika: sexistisch und gefährlich, vor allem für Frauen. Das habe ich schon oft genug gehört. Worauf ich jedoch eigentlich eingehen möchte ist, dass Sexismus leider kein Konstrukt Südamerikas ist, sprich, dass unser doch so liberales, doch so faires Europa gar nicht so ausgeglichen ist, wie es scheint. Vielleicht ist die Quote der häuslichen Gewalt niedriger und Mädchen wird nur halb so oft hinterhergepfiffen, dennoch gibt es mehr als genug Probleme, die angegangen werden müssen.

Fangen wir mal ganz von vorne an: Ein Baby wird geboren. Was natürlich sofort festgestellt wird, ist das Geschlecht. Je nachdem ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen ist, bekommt es dementsprechend einen blauen oder einen rosafarbenen Strampler. Doch was passiert, wenn das Geschlecht eines Kindes nicht ganz eindeutig ist, es also intersexuell ist? Welchen Namen soll das Kind nur bekommen und welche Farbe zieht man ihm an. Eltern könnten natürlich abwarten bis das Kind alt genug ist um sich selbst für ein Geschlecht zu entscheiden, dennoch gibt es jährlich 1700 „kosmetische Operationen“ an denen Kinder noch Jahre später leiden. Verständlich, schließlich wird über ihren Kopf hinweg entschieden, welches Geschlecht sie haben müssen, auch wenn sie sich mit diesem vielleicht gar nicht identifizieren können.

Etwas, was sicherlich jedes Kind macht, ist Fernseher schauen. Super beliebt waren schon immer die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm. Doch worum geht es eigentlich in den meisten Märchen? Um schöne Prinzessinnen, die von ihrem Traumprinzen gerettet werden, sei es Rapunzel, Schneewittchen oder Dornröschen. Oft geraten sie in eine bedrohliche Lage, da ihr Vater unmittelbar nach dem Tod der leiblichen Mutter eine neue Frau gesucht hat und dabei von der Schönheit einer Fremden in Bann gezogen wurde, die sich als böse Stiefmutter herausstellt. Lehrt uns das nicht eigentlich, dass Männer eine Frau brauchen um den Haushalt zu schmeißen und gleichzeitig auch noch dumm werden, wenn die Frau nur schön genug ist? Lernen Mädchen demnach nicht, dass sie nur bildhübsch sein müssen um ihren Traumprinzen kennenzulernen, der ihr Leben perfekt macht und dass ideale Beziehungen immer heterosexuell seien?

Dieses Bild zieht sich immer weiter, schließlich werden uns diese Ideale weiterhin, in abgewandelter Form, eingeflößt. Kultfilme wie James Bond erzählen immer noch von schönen Frauen und starken, mutigen Männern. Und noch schlimmer, Frauen sind nicht mehr die begehrten Prinzessinnen, inzwischen werden sie einzig und allein auf ihren Körper reduziert und sind quasi nur noch Objekte, die blind tapferen Männern hinterherrennen und nach deren Belieben benutzt werden. Geprägt von diesen Filmen, will man dann auch selbst eine/n erste/n Freund/in. Natürlich muss der Junge, wie ein richtiger Prinz eben, sein Mädchen erobern, denn Mädchen sollten nicht den ersten Schritt machen. Setzt man damit nicht Jungs, vor allem die, die schüchtern sind, unter Druck und setzt man Mädchen, für die sich weniger Jungs interessieren, nicht schon ganz früh in den Kopf, dass sie einfach nicht attraktiv genug seien?

Gerade die Pubertät ist eine besonders schwierige Phase, in der sich jeder anders entwickelt. In Zeitschriften wie Bravo werden einem ganz genaue Anleitungen vorgegeben, wie man seinen Schwarm beeindruckt. Genau so und nicht anders sollte es anscheinend funktionieren, schließlich wird davon ausgegangen, dass die Geschmäcker aller Mädchen und aller Jungs die selben seien. Er sollte größer, gefühlvoll und witzig sein. Sie sollte weiblich aussehen, auch mal über sich lachen können und nicht allzu verklemmt sein.

Mädchen fangen also damit an, sich vor Partys zehn Beziehungsratgeber durchzulesen, sich Bilder von Models rauszusuchen um sich möglichst genau so wie sie zu schminken und zu kleiden, allerdings nicht zu freizügig. Der Schwarm sollte schließlich nicht denken, dass sie leicht zu haben wäre, womöglich würden anderen Jungs sonst noch denken, dass der Ausschnitt oder der kurze Rock als Einladung für sexuelle Belästigung gesehen wird. Schließlich wecken pornografische Inhalte im Internet Fantasien, heißt, dass Jugendliche auch langsam erste Erfahrungen sammeln möchten. Noch bevor sie einem Mädchen richtig nahe gekommen sind haben sie schon ein total realitätsfernes Bild im Kopf. Wer kann ihnen also den Gedanken verübeln, dass der Körper junger Mädchen genauso perfekt sein sollte wie der einer operierten, erwachsenen Frau und sie sich genauso erfahren verhalten würden. Priorität hat das Äußerliche, „hübsch“ wird zu „geil“ und das perfekte Date endet im Bett. Im Gegensatz dazu suchen die meisten Mädchen immer noch nach ihrem romantischen, klugen Prinzen, so wie er ihnen in Märchen und in Nicolas Sparks Büchern beschrieben wird.

All die vielen Beautymagazine nagen ziemlich an dem Selbstbewusstsein vieler junger Mädchen aber auch Jungs, die sich permanent mit Models mit perfektem Gesicht und Körper vergleichen. Was eigentlich totaler Quatsch ist, da die wenigsten Menschen dem durch Medien verbreiteten Schönheitsideal entsprechen. Wer in den Spiegel sieht läuft schnell Gefahr einzig und allein seine Makel zu betrachten und vergisst ganz schnell, dass nicht jede Stelle perfekt sein muss, um trotzdem schön zu sein. Schönheit ist eben Fluch und Segen zugleich. Wer dem Schönheitsideal entspricht, wird schnell nur noch darauf reduziert. Viele denken also automatisch, dass zum Beispiel schöne Frauen nicht intelligent und intelligente Frauen nicht schön sein können. Wie jedes Mädchen musste ich mir schon oft genug anhören, dass ich auf mich aufpassen sollte wenn ich feiern gehe, dass ich eben nicht genauso ausgelassen trinken könnte, wie es meine männlichen Freunde tun. Dass ich Angst haben sollte, dass jemand ausnutzt, dass ich zu betrunken bin um klar denken zu können und dass ich immer auf mein Getränk aufpassen sollte, um ja keine Tropfen untergemischt zu bekommen.

Doch auch in festen Beziehungen und Ehen herrschen noch klare Vorstellungen, die von traditionellen Rollenbildern geprägt sind. Von Hochzeiten träumt schon jedes Mädchen seit es klein ist: Das Fest muss groß und geschmückt gefeiert werden und die Braut sollte so umwerfend aussehen, dass alle Gäste in Tränen ausbrechen. Das traditionelle Bild einer Lebenspartnerschaft, ist immernoch stark in der Gesellschaft verankert. Die Frau nimmt den Nachnamen ihres Ehemannes an, wodurch sie ihren Mädchennamen verliert, wenig später folgt dann das erste Kind, welches von der Mutter aufgezogen wird, die erstmal eine Weile zu Hause bleibt. Der Mann, der wahrscheinlich zielstrebiger seiner Karriere nachgeht oder für gleiche Arbeit mehr Gehalt bezieht, wird zum Hauptverdiener in der Ehe. Geht er an Stelle der Frau in Elternzeit, so wird das als Zeichen von mangelnder Männlichkeit und fehlendem Durchsetzungsvermögen gesehen. Doch leider sind dies nicht die einzigen Probleme in Ehen: Auch in Deutschland wird ca. jede vierte Frau Opfer häuslicher Gewalt (GEOlino, „Frauen weltweit“).

Mir ist bewusst, dass es auch ganz viele Ausnahmen zu diesen doch pauschalisierenden Beispielen gibt. Dennoch erfahre ich immer wieder aus meinem Umfeld, dass diese traditionellen Rollenbilder noch stark in der Gesellschaft verankert sind, leider jedoch viel zu wenig kritisiert und hinterfragt werden. Selbstverständlich möchte ich nicht sagen, dass die Situation von Frauen in Deutschland genauso schlimm ist wie die in anderen Ländern Südamerikas, Afrikas oder Asiens, in denen z.B. Gewalt an Frauen, Zwangsbeschneidungen oder Frauenhandel allgegenwärtig ist. Trotzdem kenne ich kein einziges Mädchen, welches keine persönliche Geschichte über Diskriminierung oder Belästigung erzählen könnte, auch in Deutschland nicht. Die aufgegriffenen Themen sind nur ein Bruchteil von Problemen die nicht nur Mädchen betreffen. Rollenbilder haben noch nie jemandem gut getan, denn im Prinzip wird einem vorgeschrieben wie man auszusehen oder sich zu verhalten hat. Ich denke, das sollte uns allen wirklich zu denken geben, ob unsere Gesellschaft wirklich so tolerant ist oder ob es nicht doch noch einiges gibt, worüber nachgedacht und vor allem geredet werden muss.

 

Logo weltwaerts

Quifd Siegel Freiwilligendienst

ventao logo