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Elena Bühler - 3. Bericht

Buen Vivir – Recht auf gutes Leben

Wozu sollte eine Verfassung da sein? Klar, um die Rechte der Menschen zu sichern und im Endeffekt ein harmonisches und geregeltes Zusammenleben zu ermöglichen. Aber sollen nur den Menschen Rechte zugestanden werden oder sollte nicht auch der Schutz der Natur Eingang in die Verfassung finden? In Ecuador z.B. werden der Natur ebenso wie den Menschen Rechte zugeschrieben. Diese Rechte sind in der Verfassung fest verankert und basieren auf dem Konzept des „Buen Vivir“.

„Buen Vivir“ - was bedeutet das? „Buen Vivir“ heisst zu Deutsch „gut leben“, ist aber eigentlich eine Übersetzung von „Sumak kawsay“, einem Ausdruck, der in dem indigenen Dialekt Kichwa: gebräuchlich ist. Doch nicht nur der Name, sondern die komplette Ideologie hat ihren Ursprung in der indigenen Geschichte Ecuadors und Boliviens.

Über den Schutz der Natur hinaus beinhaltet das Konzept auch die Reduktion von sozialer Ungleichheit, eine solidarische Wirtschaft und eine pluralistische Demokratie. Damit distanziert man sich vor allem von der westlichen Idee eines individuell guten Lebens. Das heißt also, dass nicht der einzelne Mensch, sondern das große Ganze und die Einheit von Mensch und Natur im Mittelpunkt stehen. Es geht nicht um ein utopisches Weltbild, in dem jeder Mensch einen hohen Lebensstandard genießt, sondern eine Balance ohne Elend, aber auch ohne Überfluss. Alle sollen mit dem Notwendigen versorgt werden, finanzielle und materielle Ungerechtigkeiten sollen wegfallen.

„Buen Vivir“ ist aber keineswegs eine veraltete Ideologie. Dieses Konzept und die Natur als Träger von Rechten ist fester Bestandteil der ecuadorianischen Verfassung. So heißt es in Artikel 71,52: „Die Natur oder Pacha Mama, in der sich das Leben reproduziert und verwirklicht, hat das Recht, dass ihre Existenz sowie die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenskreisläufe, Strukturen, Funktionen und Evolutionsprozesse vollständig respektiert werden“. Das „Buen Vivir“ des Menschen soll wiederrum durch das Recht auf Wasser, Nahrung, Gesundheit und Erziehung garantiert werden. Dabei geht es gar nicht darum, die Natur unberührt zu lassen und nicht in ihren Lauf einzugreifen. Vielmehr kann der Mensch Resourcen der Natur nutzen, es muss jedoch gewährleistet sein, dass natürliche Prozesse wie der der Regeneration möglich sind und Flora und Fauna erhalten bleiben.

Einige werden jetzt sicher sagen, das hört sich ja ganz schön an, aber kann das Ganze denn realpolitisch überhaupt umgesetzt werden?

Viele Ecuadorianer sind der Meinung, dass die Politik mit der Umsetzung des „Buen Vivir“ nicht weit vorangekommen ist. Auch wenn es in die Verfassung mit aufgenommen wurde (2006-2008), blieb es erst einmal nur auf dem Papier; denn unmittelbar nach der Aufnahme wurde die politisch linke Regierung von einer rechten abgelöst.

Tatsächlich hat der ehemalige Minister für Energie und Bergbau, Alberto Acosta, 2007 eine radikale Maßnahme vorgeschlagen, um die Rechte der Natur zu respektieren: So bot er der internationalen Gemeinschaft an, die Ölfelder in einem der artenreichsten Regenwaldgebiete der Welt „Yasuní“ unberührt zu lassen. Er befürchtete, dass die Förderung dieser Ölvorkommen große Teile dieses Regenwaldgebietes zerstören könnten. Ganze 20 Prozent der kompletten ecuadorianischen Ölreserven, also 840 Millionen Barrel Schweröl, würden nicht abgebaut werden. Darüber hinaus befindet sich im Nationalpark das Zuhause von zwei nicht kontaktierten südamerikanischen Urvölkern, und der Erdatmosphäre blieben Emissionen von ganzen 410 Millionen Tonnen erspart, das sind ca. fünfmal so viel wie Österreich jährlich ausstößt. Im Gegenzug für den Profitverzicht zugunsten des Naturschutzes forderte Rafael Correa, der ecuadorianischer Präsident von 2007 bis 2017, dass Ecuador über 13 Jahre hinweg mindestens die Hälfte des Gewinns der erwarteten Ölreserven vergütet wird. Auf einer Veranstaltung am Rande der UN-Vollversammlung im September 2011 erklärte der damalige Regierungschef außerdem „Wir möchten gegen die Erderwärmung kämpfen, aber dafür brauchen wir die Mitverantwortung der Welt“. Eine Mitverantwortung, die nicht jeder auf sich nehmen möchte. So wehrte sich beispielsweise Dirk Niebel (deutscher Entwicklungsminister 2005 – 2009, FDP) vehement gegen Ecuadors Forderungen und sprach sich dagegen aus, dass Deutschland die rund 47 Millionen Dollar zahlt, die eigentlich anfallen würden. Er begründete seinen Standpunkt mit der Befürchtung, dass auch Länder wie Saudi-Arabien in Zukunft Geld für den Verzicht auf Umweltzerstörung und -ausbeutung verlangen könnten. Dank einer deutschen Initiative wurde Ecuador aber schon ein Jahr nach der Forderung, also 2008, 50 Millionen Dollar über 13 Jahre hinweg in Aussicht gestellt, was im Bundestag sogar einstimmig beschlossen wurde.

Trotz positiver Veränderung bleibt es also schwierig, das Konzept des „Buen Vivir“ realpolitisch zu verwirklichen. So schwierig, dass es für Europa unmöglich ist? Oder könnte die Natur auch bei uns einen Platz in der Verfassung und in Gesetzen finden?

Ein wesentlicher Unterschied unserer westlichen Kultur zu den indigenen Völkern in Ecuador, der die Umsetzung der Ideologie sicherlich erschwert, ist unser Streben nach hohem Lebensstandard und damit verbundenem materiellen Wohlstand und Reichtum. Dass das ohne das Leid eines Beteiligten, zum Beispiel der Natur, nicht gewährleistet werden kann, sollte jedem bewusst sein. Inwieweit sind wir also bereit, unser Leben im Überfluss zum Schutz der Natur und zum Wohl anderer Menschen zu beschränken? Tatsächlich nehmen sich viele westliche Initiativen für den Umweltschutz das Konzept des „Buen Vivir“ zum Vorbild. Dass eine grundlegende Veränderung dann aber doch ziemlich schwer machbar scheint, liegt wahrscheinlich nicht zuletzt daran, dass diese Ideologie in Europa nicht in weit zurückgreifenden indigenen Ursprüngen wie in Ecuador verwurzelt ist. Es wird also vermutlich noch lange dauern, bis die Ideologie des „Buen Vivir“ auch in Europa an Beachtung und Respekt gewinnt. Um diesen Prozess aber zu beschleunigen, können und sollten wir unsere individuelle Freiheit nutzen, um von den indigenen Völkern zu lernen und das Konzept vielleicht jeden Tag ein bisschen mehr in unseren Alltag einzubauen.

 

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