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Antonia Ruoff - 1. Bericht

Nachdem ich nun einige Wochen Zeit hatte, mir ein eigenes Bild über die Fundación Cristo de la Calle zu machen, dachte ich, dass es doch interessant wäre, meine Ansicht mit der Selbstwahrnehmung der Einrichtung zu vergleichen. Dazu habe ich mich auf deren Homepage umgeschaut und mir einige Aussagen herausgepickt, um zu beurteilen, inwiefern ich diese zutreffend oder nicht zutreffend finde. Alle Aussagen habe ich vom Spanischen ins Deutsche übersetzt, daher gibt es eventuell leichte Abweichungen bezüglich des Stils oder einzelner Wörter.

„Unsere Priorität ist es, die Sicherheit und das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen zu sichern, die von uns aufgenommen werden.“

Dieses Zitat ist gleich das erste, welches man auf der Website lesen kann. Sicherlich baut das Konzept der Fundación darauf auf, Kinder und Jugendliche vor Misshandlung, Gewalt, Vergessenheit oder anderen unwürdigen Umständen zu bewahren. Man bietet den Kindern ein Haus zum Leben, Kleidung, Spielzeug, ausgewogenes Essen und natürlich wird auch viel Wert darauf gelegt, den Kindern und Jugendlichen eine würdige Bildung zu bieten. Neben materiellen Dingen wird auch versucht, die Kinder in aller Hinsicht zu unterstützen, neben einer angemessenen Erziehung durch die Educadoras wird ihnen auch psychologische Betreuung angeboten. Schließlich ist es nicht nur wichtig, die Kind physisch fit und gesund zu halten, sondern auch psychische Spuren soweit es geht zu beheben.

Hinsichtlich der Sicherheit gibt es kaum Gründe zu widersprechen: Die Kinder werden aus instabilen Verhältnissen geholt und bekommen ein angemessenes Umfeld geboten, um ein gewaltfreies und sicheres Leben zu führen. Neben den Educadoras arbeiten noch zahlreiche andere Personen in der Einrichtung, die sich um die Kinder sorgen und sie in keiner Situation alleine lassen. Im Punkt des Wohlergehens sieht es allerdings anders aus. Dies liegt vor allem daran, dass sich der Begriff Wohlergehen nicht so leicht definieren lässt. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat eigene Bedürfnisse, die man erstens nicht pauschalisieren kann und die zweitens bei 11 Kindern pro Haus unmöglich zu stillen sind. Was mir insbesondere aufgefallen ist, ist dass der persönliche Bezug zu den Kindern häufig zu kurz kommt. Die Kinder wollen gehört werden und brauchen zu einem gewissen Maße Aufmerksamkeit und Zuneigung. Genauso, wie wir es von unseren Eltern kennen, wollen die Kinder nach der Schule oder nach Ausflügen erst mal erzählen. Selbst wenn es vermeintlich unbedeutende Themen sind, ist es doch wichtig, den Kindern nicht nur zuzuhören, sondern auch direkt mit ihnen zu sprechen. Soweit ich dies beobachten konnte, lässt man die Kinder am Essenstisch oft durcheinanderreden, damit jeder seine Geschichten erzählt, explizit darauf eingegangen wird jedoch nur selten. Ich finde es jedoch unglaublich wichtig, um den Kindern das Gefühl von Geborgenheit und Interesse zu geben.

 „Die Fundación wurde gegründet, um die Lebensumstände der verletzbaren Kinder und Jugendlichen zu verbessern.“

Was die Fundación von Waisenhäusern unterscheidet, ist der wichtige Punkt „Apoyo familiar“, die Unterstützung der Familien. Es wird also nicht primär angestrebt, Kinder aus ihrem alten Leben zu reißen und alles neu zu gestalten, sondern es wird tatsächlich versucht, die Situation der Familien vor Ort zu verbessern. Somit will man nicht nur den Kindern, sondern auch den Familien  helfen und diese unterstützen. Die Fundación baut nicht darauf auf, die Kinder von ihren Eltern zu trennen, ganz im Gegenteil. Es wird immer und immer wieder versucht, die Familien nach einer Betreuung wieder zusammenzuführen. Selbst Eltern, denen ich ohne zu überlegen jedes Recht auf Kontakt zu ihren Kindern nehmen würde, wird eine zweite Chance geboten, mit ihren Kindern zusammenzuleben. An Problemen wird so lange versucht zu arbeiten, bis diese gelöst werden können oder bis klar ist, dass sich die Lebensumstände der alten Familien nie ändern werden. Allerdings wird dieser Schritt sehr lange und gut durchdacht. Versuche, die Familie wieder zusammenzuführen, dauern zum Teil Jahre, ohne dass aufgegeben wird.

Für Kinder, die nicht zu ihren Familien zurückkehren, ist das Verbleiben in der Fundación jedoch oft mit weiteren Problemen verbunden. In Bezug auf deren Umfeld: In der Schule wird ganz unfreiwillig gezeigt, dass die Kinder keine Eltern haben, die sich um sie kümmern. Stattdessen kommt jede Woche ein anderer Volontär, um sie abzuholen, an Elternabenden kommen wieder andere Personen, keine feste Bezugsperson, die das Kind richtig kennt und die sie Mama oder Papa nennen könnte. Das alles bietet eine Angriffsfläche für Mitschüler für Hänseleien oder gar Mobbing. Es scheint eben, als seien die Kinder schwächer und hätten  keine starke Person hinter sich, die sie bedingungslos verteidigen würde. Doch auch innerhalb der Fundación gibt es einige Konflikte. Die Kinder leben eben in einer riesigen Gruppe zusammen, jeder hat eigene Probleme und einen ganz eigenen Charakter. Da kommt es auch mal vor, dass einige Kinder gar nicht miteinander klar kommen. Anders als bei Kontrahenten in der Schulklasse können sie sich jedoch nicht aus dem Weg gehen  und müssen jede Meinungsverschiedenheit und jeden Streit bis hin zu Beleidigungen aushalten. Denn die Kinder sind nicht immer nur Opfer von Hänseleien, besonders aufgrund ihrer oft eigenen gewaltsamen Vergangenheit neigen auch sie selbst dazu, grob miteinander umzugehen. In meinem Haus gibt es ein Mädchen, welches vieles einstecken muss. Das liegt vor allem daran, dass außer ihr nur Geschwisterpaare im Haus leben, sie die Jüngste ist und Schwierigkeiten in ihrer geistigen Entwicklung hat. Selbst für sie haben sich ihre Lebensumstände sicherlich verbessert, gleichzeitig haben sich aber auch ganz andere Probleme entwickelt, welche sie wieder in anderer Hinsicht verletzbar machen. Des Weiteren ist es zwar prinzipiell möglich, dass Kinder nicht zu ihren ursprünglichen Familien zurückkehren, sondern adoptiert werden, diese Prozesse sind jedoch oft sehr kompliziert und werden nicht immer durchgezogen. Besonders für ältere Geschwister ist es schwer, eine Adoptivfamilie zu finden. Für die Kinder, die eben nicht aus der Fundación wegkommen, ist es außerdem extrem belastend zu sehen, wie andere Kinder Fortschritte machen, in ihre alten oder neuen Familien zurückkehren, sie selbst jedoch kaum Chancen haben, die Fundación zu verlassen. So geht es gerade der Ältesten von 5 Geschwistern in meinem Haus. Sie sieht nur, wie glücklich die anderen Kinder um sie herum sind, dass sie ihre Familien treffen können oder sogar übers Wochenende zu ihnen dürfen. Für sie scheint es allerdings aussichtslos, dass sie und ihre 4 Geschwister bald adoptiert werden. So etwas nagt neben Mobbing und Hänseleien in der Schule sowie in dem Haus auch stark am Selbstwertgefühl.

„Wir versuchen den Kindern und Jugendlichen ein sicheres und stabiles Umfeld zu schaffen, in dem sie aufwachsen und sich entwickeln können.“

 In den Casas Familias wird natürlich versucht, den Kindern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, Stabilität in das Leben zu bringen scheint jedoch beinahe unmöglich. Dies liegt vor allem daran, dass sich ihr Umfeld ständig ändert. Alle 8 Stunden betritt eine neue Arbeitskraft das Haus, bringt eigene Verhaltensweisen und Erziehungsmethoden mit, an die sich die Kinder zunächst gewöhnen müssen und die sich zum Teil eben auch widersprechen. Für die Kinder scheint es beinahe  normal zu sein, dass nach einem Jahr erneut neue Volontäre kommen, die zu Beginn kaum die Sprache können, Monate brauchen, um ein enges Verhältnis aufzubauen, um dann nach 12 Monaten doch wieder zu gehen. Darüber hinaus haben die Kinder und vor allem die Jugendlichen viel zu wenig Privatsphäre. Hat jemand einen schlechten Tag und möchte sich einfach nur die Augen ausheulen, so sind immer mindestens 2 andere Personen anwesend, die jede Sekunde miterleben. Auch die eigene Entwicklung wird eingeschränkt, da die Kinder wenige Möglichkeiten haben, um sich selbst auszuprobieren. Einerseits liegt das daran, dass die Fundación offensichtlich nur begrenzte Ressourcen hat und diese nicht ausreichen, um jedem Kind das zu ermöglichen, was es sich erhofft, andererseits liegt das daran, dass die Kinder und Jugendlichen ziemlich stark kontrolliert werden müssen und somit kaum Freiraum erhalten. Besonders bei diesen Kindern ist es unglaublich wichtig, dass darauf geachtet wird was sie machen, mit wem sie Zeit verbringen und wie sich ihr Verhalten dadurch ändert. Einige Kinder haben immer noch Eltern, die verbotenerweise Kontakt suchen, die Schule oder die Adresse des Hauses ausfindig machen wollen und teilweise gefährlich für die Kinder sind, z.B. aufgrund von Alkohol- oder Aggressionsproblemen. Um die Kinder unter Kontrolle zu haben, ist es daher unerlässlich, dass sie klare Regeln erleben, anders kann ein Haus mit 11 Kindern nicht funktionieren.

Fazit

Trotz Problemen, denen die Kinder doch noch ausgesetzt sind, und Schwachstellen, die ich in der Fundación bemerke: Die Kinder kommen aus mir unvorstellbar schlimmen und brutalen Verhältnissen und erleben in der Fundación eine gewaltfreie Erziehung, psychologische Betreuung und ein Leben, in dem sie geschätzt werden. Die Kinder sollen merken, dass sie nicht egal oder vergessen sind, dass es Leute gibt, die sich um sie kümmern und die ihnen zuhören, wenn es ihnen mal schlecht geht. So sehe ich die Fundación und ich denke, so sieht sie sich auch selber. Um diese Idee in die Tat umzusetzen und den Kindern zu helfen, ein Verständnis dafür zu entwickeln bin ich, meiner Meinung nach, hier und versuche mein bestmöglichstes den Kindern genau dieses würdige, sorglose Leben zu bescheren. Natürlich ist es für die Einrichtung super schwer ihre doch recht hoch gesetzten Ziele zu erfüllen, ich als unerfahrene 18-jährige kann auch unmöglich diese Ziele erreichen. Nach längerem Hinsehen erkennt man jedoch sofort, dass jeder sein Bestes gibt. Besonders vor den Educadoras, die sich der ganzen Arbeit so hingeben, habe ich unglaublichen Respekt, aber auch die Büroarbeit darf nicht unterschätzt werden. Die Fundación gibt spürbar ihr Bestes, jeder Person, die zu ihnen kommt, zu helfen und verliert ihr Ziel nie aus den Augen. Für die meisten endet die Arbeit nicht beim Verlassen des Arbeitsplatzes, Herzblut, Gedanken aber auch Papierarbeit werden mit nach Hause genommen. Anders als das Personal im Büro oder die Educadoras in den Familienhäusern heißt es für uns Volontäre nach 8 Stunden eigentlich auch wirklich Schluss mit der Arbeit, trotzdem erfahren wir immer wieder wie viel unsere Anwesenheit doch bringt und wie herzlich wir in dieses Team eingeschlossen werden. Denn natürlich sind die Pädagogen und Psychologen von größerem Wert und leiten das Ganze, ohne uns könnten sie sich allerdings vor den ganzen Alltagsaufgaben gar nicht auf ihre eigentliche Rolle konzentrieren.

 

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