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Lea Krätzig - 1. Bericht

Zwischenbericht – Lea Krätzig – Freiwilligendienst Ibarra 2017/18

Ein Morgen wie so viele andere hier. Es ist irgendwas zwischen 6:30 und 7:00 Uhr. Endlich sieht man, wie sich am Ende der langen Straße „Eugenio Espejo“ einer der blauen Busse mit der Aufschrift „Pilanqui – 10 de Agosto – 19 de Enero“ nähert. Die 2 bis 6 Kinder, die mich umgeben beginnen ganz aufgeregt zu hüpfen, mich am Ärmel zu ziehen und „El bus, el bus!“ zu schreien. Sobald dieses schon sehnlichst erwartete Verkehrsmittel nur noch 30 Meter von uns entfernt ist, beginnen wir alle einen unserer Arm seitlich auszustrecken, um dem Busfahrer (wahrscheinlich in diesem Fall nicht unbedingt notwendigerweise nochmals) zu verdeutlichen, dass er doch bitte bei uns halten und uns mitnehmen soll. Ist das geglückt, möchte Josefina wie jeden Morgen, dass ich ihr das Geld für den Bus gebe, das ich zuvor im Haus von der Educadora bekommen habe, sodass sie für uns beide bezahlen kann. Ihr kleiner Bruder José darf mit seinen 5 Jahren noch umsonst fahren. Ich gebe ihr das Geld und sie gibt es dem Busfahrer in die Hand. 45ct. 30ct für mich („una adulta“) und 15ct für sie („y una niña“). Wohin wir fahren ist dabei egal. Diese Preise gelten in ganz Ibarra und für alle Strecken innerhalb der Stadt.

Nun kann unsere Fahrt beginnen. Ich setze mich auf einen der noch freien Hartplastiksitze und entweder sitzt ein Kind auf meinem Schoß, neben, hinter oder vor mir. Bevorzugter Sitzplatz der Kinder ist aber definitiv die kleine Matratze, die mittig im Bus direkt hinter dem Busfahrer am Eingang auf dem Boden bzw. auf einer kleinen Erhöhung angebracht ist. Mehrere glücklich glucksende Kinder, die sich sitzend, kniend oder liegend auf dieser Matratze befinden - das ist definitiv einer meiner liebsten Anblicke während meiner Arbeit hier. Auch wenn man sie immer wieder dazu anhalten muss sich dabei auch ja festzuhalten und bitte nicht aufzustehen. Kommen wir dann unserem Ziel, der Grundschule, näher, beginnt ein kleiner Kampf um den roten Knopf mit der Aufschrift „Stop“, denn natürlich will jedes der Kinder seinen Finger ganz unten haben, um auch ja die Ehre haben zu können, diesen zu drücken. Immer wieder mache ich die Kinder darauf aufmerksam, dass sie doch bitte noch nicht drücken sollen, sondern wirklich erst, wenn ich es ihnen sage, weil wir dann an der richtigen Straßenkreuzung sind - bloß nicht eine oder zwei Querstraßen zu früh. Nicht, dass es mich stören würde, einen kleinen Block weiter zu Fuß zu laufen, aber das ist hier nun mal einfach nicht notwendig. Denn oft hält der Bus alle 50 Meter. Einfach immer dann, wenn wieder jemand den Knopf gedrückt hat. Haltestellen gibt es nun mal nicht. Und das wissen auch die Kinder. Also kann man praktisch nicht eine Straße „zu früh“ aussteigen – auch, wenn der rote Knopf, aufgrund des Kampfes um ihn, ausversehen schon gedrückt worden ist – man muss auf jeden Fall bis zur richtigen Straße weiterfahren (, laut den Kindern).

Wie auch immer, was ich mit dieser kleinen Geschichte nun eigentlich sage möchte, sind verschiedene Dinge. Zum einen, dass ich entgegen aller Erwartungen dieses Bussystem hier wirklich gerne mag! Man muss natürlich erst einmal wissen, wo welcher Bus fährt, aber wenn man das nach den ersten drei Monaten hier dann endlich ansatzweise raushat, ist es einfach ein super entspanntes Gefühl, sich an die passende Straße zu stellen und einfach zu warten, bis der richtige Bus vorbei kommt, weil man weiß, dass das in spätestens 10 Minuten der Fall sein wird. Natürlich sollte man das nicht vor einem super pünktlichen Termin machen, aber die gibt es hier ja sowieso eher selten und die Leute haben volles Verständnis dafür, wenn gerade einfach kein Bus kam oder man die Aufschrift doch nicht ganz richtig gelesen hat und man erstmal in die andere Richtung der Stadt gefahren ist. Aber auch das ist eine Sache, die mir hier in Ibarra gefällt: Selbst wenn man nur die ungefähre Richtung des Busses weiß, steigt man einfach ein und schaut dann entweder aus dem Fenster oder in GoogleMaps, ob man langsam in der Nähe seines Zielortes ist und steigt an der nächsten Straßenecke aus. Einfach den roten Knopf drücken.

Das ist natürlich durchaus eine Sache, die zwar praktisch ist, aber auch einfach schlecht für die Umwelt. Die Busse hier sind sowieso ziemliche Drecksschleudern (mit dem Rad direkt hinter einem losfahrenden Bus zu sein löst durchaus oft einen starken Reizhustenanfall aus) und wenn dann alle 100 Meter angehalten und von neuem losgefahren wird, ist das definitiv weniger ökologisch, als in Deutschland alle 1500m. Und dazu kommen noch die vielen Ampeln, die sich vor allem in der Innenstadt aneinander reihen und an denen dann der Motor auch gut und gerne mal 80 Sekunden im Stehen läuft, um danach mit Vollgas und schwarzer Rauchwolke losbrummen zu können.

Vielleicht ist dieses Nutzen der Busse mit dem andauernden Ein- und Aussteigen und dem damit einhergehenden Stop-and-Go ein klassisches Beispiel für ein verbreitetes Denken hier in Ecuador – natürlich nicht das aller und man sollte solches nie verallgemeinern, aber so habe ich es bis jetzt subjektiv viel erlebt – „Es ist bequem und praktisch und ich habe die Möglichkeit dazu. Ob es der Umwelt schadet? Ich weiß es nicht oder ich mache mir zumindest gerade keine Gedanken darum.“

Dass das nachhaltige Denken, was wir in Europa ja immer mehr versuchen voranzutreiben und danach zu leben, hier in einem sogenannten „Entwicklungs-“, „Schwellen-“ oder „Dritte-Welt-Land“ noch nicht so sehr verbreitet ist, hat sich für mich in meinen ersten drei Monaten hier leider bestätigt. Ein klassisches Vorurteil.

Sie gibt es also, die Vorurteile und in Teilen sind sie wohl auch wahr. Pünktlichkeit ist hier zwar nichts Unbekanntes, aber es gibt einen gewissen Freiraum. Wozu feste Pläne? Nachhaltigkeit steht hier erstmal nicht an erster Stelle. Öffentliche Verkehrsmittel erfüllen nicht „unsere“ Standards. Etc. …

Aber ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht. Denn ein paar Vorurteile möchte ich noch kurz aus dem Weg räumen. Deutsche lieben die Pünktlichkeit – wir haben uns schnell an die „ecuadorianische Zeit“ gewöhnt und wie gesagt, ich finde das Bussystem in seinen Grundzügen wirklich sympathisch. Niedriger Standard der öffentlichen Verkehrsmittel hier – also die Fernbusse, die wir regelmäßig zum Reisen nutzen, haben genau so viel Beinfreiheit, weiche Sitze und mindestens einen Fernseher, der den Bus die ganze Zeit laut beschallt, wie die in Europa. Nur, dass man meistens pünktlicher an seinem Ziel ankommt, da es so gut wie nie Stau auf den Autobahnen gibt. Gleich dazu: Schlechte Infrastruktur: Kommt natürlich ein wenig auf den Teil des Landes drauf an, aber bis jetzt habe ich vor allem breite und neue Straßen / Autobahnen gesehen.

Und zu guter Letzt, das Umweltbewusstsein eines sog. „Schwellenlandes“: Die oben genannten Busse sind wohl wirklich ein Negativbeispiel, aber in den Schulen der Kinder wird immer wieder auf die Umwelt, die Natur und das ökologische Bewusstsein aufmerksam gemacht. Die Pflanzen in und vor den Klassenzimmern werden sehr gut gepflegt und große Tafeln mit Sprüchen wie „Pass auf deine Natur auf, sie ist das Leben“ schmücken das ganze Gelände. Man bemerkt immer wieder Züge der ursprünglichen Naturreligionen hier in Südamerika und vor allem hier im beschaulichen Ibarra findet man oft Hinweise, doch bitte die Natur zu achten.

Wenn wir also endlich an der richtigen Straßenkreuzung aus dem Bus ausgestiegen sind, können wir an der gegenüberliegenden Hauswand einen großen Schriftzug mit „No bota la basura!“ lesen. Wirf den Müll nicht einfach weg!

Lea01