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Niklas Thoms - 3. Bericht

„Wie wir ticken“

Von dem paradoxen Gefühl, dass die Zeit während meines Auslandaufenthaltes oft an mir vorüberrast und mir später doch unglaublich lang erscheint.

Eine Gedankensammlung

Drei Viertel meiner Zeit hier in Ecuador sind nun schon vergangen. Das heißt 9 Monate voll von neuen Eindrücken,  neuen Menschen und verschiedensten Erfahrungen. Ganz aktuell bedeutet das auch, Zeit für einen Bericht. Hier sitze ich also und denke über jene vergangene Zeit nach. Denke an tolle Begegnungen und lehrreiche Auseinandersetzungen - denke an meine vergangenen Berichte. Was hat mich damals beschäftigt? Was heute? Was ist neu? Was gleich geblieben?

Gar nicht so einfach – kommt mir manches doch vor als wäre es erst gestern gewesen, vieles aber auch, als wäre es schon ewig her. Irgendwie komisch, dieses Empfinden von Zeit, geht es mir durch den Kopf. Gerade von so einer intensiven Zeit, wie wir sie hier erleben. Eigentlich kam es mir meistens vor als verginge die Zeit wie im Flug – und doch, wo ich jetzt hier sitze und über diese Zeit schreiben soll, kommt es mir vor als wäre ich schon eine kleine Ewigkeit hier und damit auch – schon ewig weg von Zuhause, von meinen Freunden und meiner Familie. Wie passt das zusammen? Vermisse ich schlicht meine Liebsten? Oder ist es tatsächlich mein Zeitempfinden, das irgendwie komisch oder gestört ist? So oder so ähnlich lauten die Fragen in meinen Kopf, die mich dazu bewegen mich ein wenig mehr mit diesem Phänomen „Zeit“ auseinanderzusetzen … und es stellt sich raus:

  1. Klar vermisse ich Freunde und Familie, soweit wenig überraschend, und
  1. Auch mein Zeit- bzw. Erinnerungsempfinden ist offenbar wenig einzigartig, in seiner Funktionsweise jedoch hoch interessant.

Denn es empfinden nicht nur Viele auf eine ähnliche Art und Weise, wie ich es tue. Es ist sogar wissenschaftlich bewiesen, dass sich das "erlebende Selbst" und das "erinnernde Selbst" stark voneinander unterscheiden und unser individuelles Empfinden sich oft geradezu paradox verhält.

Passiert in einem Zeitabschnitt beispielsweise ganz viel, haben wir in dem Moment das Gefühl, die Zeit rast nur so an uns vorbei. Wir sind beschäftigt und schauen nicht alle fünf Minuten auf die Uhr. Später hingegen schätzen wir genau diesen Zeitabschnitt als enorm lang ein. Ganz nach dem Motto: „Wenn so viel passiert ist, muss die Zeit wohl relativ lang gewesen sein.“

Umgekehrt funktioniert das genauso. Wartet man auf den Bus und wagt immer wieder einen Blick auf die Uhr, vergeht die Zeit gefühlt so schleppend wie sonst nur selten - sie kommt uns unglaublich lang vor. Im Rückblick wiederum ist in diesem Zeitabschnitt nicht viel passiert. Unsere Erinnerung vermittelt uns also das Gefühl, die Zeit sei kurz gewesen.

So zeigte beispielsweise der britische Psychologe John Wearden einer Gruppe von Personen neun Minuten lang spannende Filmausschnitte, während eine zweite Versuchsgruppe sich langweilte. Erwartungsgemäß vergingen die neun Minuten für die Filmgucker subjektiv schneller als für die gelangweilt Wartenden. Nach einigen Tagen noch einmal nachgefragt, hatte sich das Empfinden, wie zuvor beschrieben, jedoch ins Gegenteil verkehrt. Die Filmgucker glaubten, eine sehr lange Zeitspanne mit Zuschauen verbracht zu haben, während die Gelangweilten ihre Wartezeit drastisch kürzer einschätzten, als sie wirklich war.

Es ist offenbar also kein Wunder, dass mir die Zeit, während ständig neue Eindrücke auf mich einprasselten, rasant und schnell vorkam, ich heute hingegen, wo ich zurückblicke, das Gefühl habe, schon ewig hier in Ecuador zu sein. Denn ein Jahr in einer neuen Kultur umringt von neuen Menschen birgt natürlich immens viele dieser für unsere Erinnerung entscheidenden „ersten Male“. Das erklärt auch, warum vielen Menschen die Jahre als Kind und Jugendlicher unglaublich lang vorkommen, die Zeit mit zunehmender Lebensdauer für sie hingegen immer schneller laufen zu scheint.

„Auf das Lebensalter bezogen, bedeutet das, dass in der Kindheit und Jugend permanent neue Ereignisse passieren und der Mensch laufend neue Eindrücke verarbeiten muss. Die jeweiligen Zeiträume werden im Nachhinein als lang empfunden. Im Alter passiert wenig Neues. Rückblickend erscheint daher die Zeit verkürzt.“ (Hede Helfrich-Hölter, Leiterin des Instituts für Psychologie der Universität Hildesheim)

Klar: der erste Kuss, die erste Party, die erste eigene Wohnung und eben auch die ersten großen Reisen in fremde Länder. Alle Ereignisse, die man meist in jungen Jahren erlebt und die in unserer Erinnerung in der Regel sehr präsent sind. Zwanzig Jahre jeden Morgen in dasselbe Büro und jeden Abend vor den Fernseher im selben Wohnzimmer hingegen, da kann die Zeit schon mal an einem vorbeifliegen. Hinzu kommt noch: Je älter Menschen werden, desto weniger offen sind sie tendenziell für Neues, wie aus der Entwicklungspsychologie bekannt ist.

Da haben wir es also mal wieder: Alt werden ist wohl einfach langweilig. Oder was kann ich aus diesen Erkenntnissen über das subjektive Zeitempfinden für mich mitnehmen?

Einfach nicht zurückkehren? Und sich immer wieder in neue Kulturen und Projekte stürzen? Klingt verlockend. Wäre da nicht Punkt 1. Denn so sehr ich meine Zeit hier schätze, muss ich mir eingestehen, dass ich mich mittlerweile wirklich schon wieder sehr auf meine lieben Menschen in Deutschland freue.

Trotzdem – für mich lässt diese Auseinandersetzung mit meiner Zeit hier und dem Phänomen „Zeit“ im Generellen nur positive Rückschlüsse zu.

Bezogen auf meine verbleibende Zeit in Ecuador – noch mal alles an Eindrücken, Menschen und Erfahrungen mitnehmen. Denn so vergeht nicht nur die restliche Zeit wie im Flug und ich kann gefühlt schon morgen meine Freunde wieder in die Arme schließen. Obendrauf kommt mir die Zeit dadurch im Nachhinein nur noch länger und wertvoller vor als ohnehin schon.

Und auf das ganze Leben bezogen. Jeder ist in der Lage die gefühlte Zeit bei Bedarf etwas abbremsen zu können, wenn er wieder mehr erste Male erlebt. Also die Welt einfach mal wieder durch die Augen eines Kindes zu sehen versucht. Und da schließt sich der Kreis zu meinen Erfahrungen während meiner bisherigen 9 Monate hier wohl endgültig. Denn über eine Sache war ich mir nach 3 Monaten bereits genau so klar, wie ich es mir noch heute bin: Meine größten Lehrmeister während meiner Zeit hier waren und sind, die Kinder.