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Valentin Wey - 2.Bericht

Bei meiner Ankunft in Ecuador waren mir die Konzepte des Indigenen und des Mestizen unbekannt. Ich hielt einfach alle Menschen denen ich begegnete für Ecuadorianer. Aus diesem Grunde verstand ich die ethnische Trennung nicht, die sich wie mir später auffiel, durch ganz Ecuador zieht. Bei aller Diversität Ecuadors, bekommt man den Graben zwischen zwei bestimmten Volksgruppen ganz besonders zu spüren. Sei es bei der Arbeit oder bei den sonstigen alltäglichen Situationen, immer wieder wird man mit dem Thema der Gegenüberstellung von Indigenen und Mestizen konfrontiert. Die Marginalisierung der Indigenen zieht sich so subtil durch alle Lebensbereiche, dass sie schon ein fester Bestandteil des Alltags geworden ist und kaum mehr als Diskriminierung empfunden wird. Diese Eindrücke die man als Außenstehender bekommt, sind natürlich absolut subjektiv und erheben keinerlei Anspruch auf Allgemeinheit. Doch dennoch bleiben es Eindrücke, die eine wesentliche Rolle hier in meinem Leben als Freiwilliger spielen und deshalb sind sie Inhalt dieses Berichts und dieser rein persönlichen Überlegungen. Unter „Indigen“ versteht man für gewöhnlich den Nachkommen einer Bevölkerung, die vor der Eroberung und Kolonialisierung durch ein anderes Volk, in einem bestimmten Gebiet lebte. Aus historischen Gründen schienen mir alle Ecuadorianer die indirekten Nachkommen der Urbevölkerung zu sein, natürlich einige mehr und andere weniger, doch letztendlich Teil der gleichen ethnischen Gruppe. Die sogenannten „Indigenen“, so wurde mir jedoch erklärt, tragen die traditionellen Gewänder und Filzhüte und sprechen Kichwa. „Mestizen“ identifizieren sich eher als indirekte Nachkommen der Kolonisatoren, pflegen einen westlichen Lebensstil und sprechen Spanisch. Da im Grunde genommen aber beide Gruppen sowohl indirekte Nachkommen der Ureinwohner als auch der Kolonisatoren sind, erschien mir diese Aufteilung in zwei radikal entgegensetzte Parteien, wie die Indigenen und die Mestizen es sind, völlig absurd. Doch auch wenn die Kategorisierung schwer nachzuvollziehen ist, ist sie dennoch vorhanden und findet vor allem vor allem in sozialer Ungleichheit ihren Ursprung. Das erste Erkennungskriterium das ich für „Indigene“ benutzte, war die Kleidung. Eine solche Differenzierung, baut auf rein äußeren Kriterien wie z.B. der Kleidung auf und ist deshalb ungenau. Selbstverständlich gibt es Personen, die vollständig in der westlichen Gesellschaft integriert sind und sich dennoch als indigen bezeichnen. Die Unterscheidung lässt sich also kaum bei Betrachtung der Hautfarbe oder der äußeren Merkmale machen und war für mich deshalb gerade am Anfang schwer nachzuvollziehen. Und wenn es mir auch heute noch schwer fällt zwischen Indigenen und Mestizen zu differenzieren, dann wahrscheinlich, weil ich als Außenstehender gar nicht dazu in der Lage bin. Viel mehr scheint es sich um eine subjektive Identifizierung mit einer der jeweiligen Kulturen zu handeln. Ist indigen, wer es selbst von sich behauptet. Diese Identifizierung mit der indigenen Kultur rührt in den meisten Fällen von dem Umfeld und der Erziehung dieser Person her. Kinder, die innerhalb einer indigenen Familie aufgewachsen sind identifizieren sich selbstverständlich mit dieser Kultur. Kinder aus einem nicht- „indigenem“ Umfeld empfinden sich später als Mestizen. So haben wir z.B. fünf Geschwister in der Fundacion, die laut der Erzieherin aus einer „indigenen“ Familie stammen. Die Kinder selbst haben in dem nichtindigenen Umfeld der Fundacion, die negative Konnotation die diese Klassifizierung besitzt schon genügend kennengelernt und übernommen, um sich für ihren Ursprung zu schämen und ihn kategorisch zu verneinen. Die Vorwürfe, die den Indigenen gemacht werden, sind das starke Festhalten an ihren Traditionen, sowie die Weigerung sich der modernen Gesellschaft integrieren zu wollen. Ein „Indigener“ wird in den meisten Fällen als ein ungebildeter und verschlossener Landarbeiter abgestempelt und so wird ihm, sei es in der Schule, auf der Arbeit oder im Amt, von allen Seiten und von klein auf vermittelt, dass er sich für seine Kultur zu schämen habe. Dass Problem an dieser Art Diskriminierung ist, dass sie kaum als eine solche wahrgenommen wird. Es scheint als wäre es fast ein Naturgesetz, dass Indigene weniger Wert sind als Mestizen. Bei einem Gespräch mit einer Erzieherin über das Verhalten zweier Kinder, erklärte sie mir, dass Letztere doch gar nichts für ihre Unhöflichkeit und Undankbarkeit können. Sie seien letztendlich Indigene und solche Charakteristiken sind schließlich in ihrem Erbcode verankert. Als nichtindigener, der in einer Gesellschaft mit solchen Dogmen aufwächst, kann man kaum anders, als diese Tatsache so zu akzeptieren wie sie ihm von allen Seiten vermittelt wird und so wird man bald Teil des großen Mechanismus dieser unterschwelligen Diskriminierung. Mein persönlicher Eindruck ist, dass das Konzept des Indigenen vor allem mit der Bildung der jeweiligen Personen zu tun hat, also sehr stark mit der finanziellen Situation verbunden ist. Bildung ist ein Wohlstandkriterium und ist bei ärmeren Familien nicht genügend vorhanden. Familien die sich als indigen bezeichnen und dennoch voll in der Gesellschaft integriert sind, sind finanziell abgesicherte Familien, die eine feste Bildung genossen haben. Bildung stellt sich zwar nicht den indigenen Traditionen entgegen, doch fördert sie allemal das Verständnis anderer Kulturen, der modernen Gesellschaft und der Kulturglobalisierung. Die meisten Familien, die die Fundacion betreut, sind Indigene. Die finanzielle Situation ist schwierig und noch schwieriger ist es etwas daran zu ändern. In dunklen, selbst gebauten Häusern ohne Tür wohnen meist mehrere Generationen zur gleichen Zeit. Auf zehn Familienmitglieder kommt selten mehr als einer der Spanisch spricht und für die anderen Übersetzen kann. Sei es aufgrund der sprachlichen Barriere oder der allgegenwärtigen Diskriminierung innerhalb der öffentlichen Strukturen, „Indigene“ und ihre Familie ziehen sich in vielen Fällen gewissermaßen aus der Gesellschaft zurück. Häufig melden indigene Eltern ihre Neugeborenen zum Beispiel nicht an. Neben vielen anderen Nachteilen wird den Kindern im Schulalter dann der Eintritt in die Schule verweigert und so zieht sich der Teufelskreis Armut-Bildungsmangel durch mehrere Generationen. Würde man diese Konzepte des Indigenen und des Mestizen für einen Augenblick vergessen und alle Ecuadorianer einfach als Ecuadorianer betrachten, würde die Differenzierung die man machen könnte sich gar nicht mehr auf ethnische Faktoren zu stützen. Viel eher scheinen die „Indigenen“ die Gruppen zu sein, denen innerhalb der letzten Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte aufgrund finanzieller oder anderer Gründe der Zugang zu Bildung verwehrt wurde. Dies erschwerte die Anpassung an die „moderne“ Gesellschaft und verstärkte den Rückzug und die Isolierung in die eigene Kultur. Die Gruppen, die der Entwicklung des Landen folgten und sich bilden konnten, entfernten sich von Traditionen und öffneten sich dem Westen. Heute scheint die Diskriminierung sich auf die Ethnie zu beziehen, baut aber, wenn man in Erwägung zieht, dass die Ecuadorianische Bevölkerung den gleichen Ursprung hat, viel eher auf der sozialen Ungleichheit auf. Vielleicht wird diese Diskriminierung eben deshalb akzeptiert, weil sie sich nur scheinbar auf die Ethnie bezieht, in Wirklichkeit aber auf Faktoren beruht welche vom Betroffenen beeinflussbar sind, wie z.B. das soziale Verhalten. Doch auch das ist fraglich. Denn bei der allgegenwärtigen Diskriminierung, den Schwierigkeiten im Schul- und Arbeitsleben und der völligen Negation der Kulturgüter, ist der Rückzug in die eigene Kultur jedoch nicht verwunderlich. Letztendlich findet die Diskriminierung und überhaupt die Marginalisierung der Indigenen ihren Ursprung in dem Unverständnis der Gesellschaft einer Bevölkerungsgruppe gegenüber, die aufgrund von struktureller Armut, Bildungsmangel und fehlender Anerkennung der eigenen Kulturgüter in Tradition und Isolierung flüchtet. Ihr wird weiterhin kaum die Möglichkeit gegeben sich der Gesellschaft anzupassen und zu integrieren und so ist es letztendlich eben diese Marginalisierung, die diesen Prozess von Bildungsmangel und Traditionalisierung weiter antreibt. die Diskriminierung ist also gleichzeitig ihr eigener Ursprung. Ein Teufelskreis, der nur durch eine größere Anerkennung der Kulturgüter wie z.B. dem Kichwa und dem weiteren Ausbreiten der Bildungsmöglichkeiten durchbrochen werden kann. Dabei ist nicht nur einseitige Bildung gemeint, sondern müssen beide Parteien eingeschlossen werden um das gegenseitige Verständnis und Miteinander zu fördern, nach dem alten Vorbild der „indigenen“ Weltanschauung „Sumak kawsay“, des „Buen vivir“.

 

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