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Valentin Wey - 1.Bericht

Dass drei Monate vergangen sind glaube ich nur wenn ich auf den Kalender schaue. Viel eher fühlt es sich an als wäre ich seit 3 Wochen hier. Wenn die Zeit vorbeigeht wie im Flug, dann liegt das jedoch nicht daran, dass ich hier jeden einzelnen Tag genieße. Im Grunde genommen fühle ich mich weder wohl noch unwohl, viel eher wie ein Tourist der einen zu langen Urlaub gebucht hat. Damit meine ich, dass ich es bisher nicht geschafft habe mich hier heimisch zu fühlen, aus diesem Land, dieser Stadt, dieser Wohnung, meinen Lebensmittelpunkt zu machen. Es gelingt mir nicht wirklich Deutschland loszulassen. Natürlich fehlen mir meine Familie, meine Freunde und meine Stadt, aber das ist gar nicht das Problem. Was mich überrascht und auch bedrückt ist, dass ich es nicht schaffe Deutschland als meine Heimat, wenn auch nur vorübergehend, aufzugeben. Ich fühle mich hier fast fehl am Platz, wie ein Tourist eben, der sich zwei Wochen lang das wunderschöne Ecuador anschauen will und anschließend, ohne eine engere Bindung mit dem Land einzugehen, befriedigt nach Hause kehrt. Ich hatte erwartet und erhofft diese Bindung zu meinem Heimatland ein wenig lösen zu können, nach zwölf Jahren Schule ein wenig zu atmen und vielleicht an etwas anderes zu denken. Dass ich dies jedoch nicht schaffe überrascht und betrübt mich auch ein wenig, denn ich habe den Eindruck etwas zu verpassen. Ich habe den Eindruck, dass solang ich nicht wirklich in diesem Land angekommen bin, ich es auch nicht wirklich kennen lernen werde und die einzigartige Chance ein anderes Leben in einem anderen Umfeld kennen lernen zu können, nicht nutzen kann. Ich glaube zum größten Teil liegt es daran dass ich alles feste, geregelte aus meinem früheren Alltag aufgegeben habe. Und ich glaube so lang ich ein solchen geregelten Alltag nicht wieder finde, kann ich auch keine festere Bindung zu meinem Aufenthaltsort eingehen. Deswegen ist es vor allem eine Frage der Zeit ist, bis ich mich hier wirklich daheim fühle und sagen kann, dass ich voll und ganz in diesem Land angekommen bin. Unsere Arbeit gibt unserem Alltag eine gewisse Struktur und wirkt meinem Unbehagen so in gewisser Weise entgegen. Gleichzeitig kommen wir dank ihr mit einigen Aspekten der ecuadorianischen Kultur und Gesellschaft in Berührung, die uns sonst verborgen blieben. Unser Arbeitstag beginnt damit dass wir die Kinder, sei es zu Fuß oder mit dem Bus, zur Schule bringen. Die Bildungsvoraussetzungen werden in Ecuador sehr ungleich verteilt. Es verläuft eine tiefe Spalte zwischen dem gut ausgestatteten privaten Schulen und dem äußerst mangelhaftem staatlichen Bildungssystem. Unsere Kinder besuchen eine Grundschule im Südviertel Ibarras, unweit der Fundación. Ein hoher Stacheldrahtzaun umsperrt einen kleinen betonbegossenen Schulhof. Zwei längliche, mit Wellblech bedeckte Hallen werden von dünnen Trennwänden in mehrere Klassenzimmer aufgeteilt. Die Schulküche und ein weiteres Klassenzimmer wurden von der Europäischen Union finanziert. Auch wenn diese Beobachtung unsachlich erscheinen mag, so scheint dem Äußerem nach zu urteilen ein bedeutender Teil der Familien, die diese Schule besuchen in großer Armut zu leben. Gerade für den ärmeren Bevölkerungsanteil ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die Kinder die Schule besuchen können. Für viele Eltern ist nämlich ein Kind, das zur Schule geht, ein Kind, das nicht arbeitet. In etwa 40% der Kinder arbeiten, um das Überleben ihrer Eltern und Geschwister, sowie ihr eigenes zu sichern. Auch wenn der Staat immer für ein bis zwei Mahlzeiten pro Schultag sorgt und den Kindern immer wieder Essensrationen wie z.B. Mehl mit nach Hause gegeben werden, bleiben die Einschreibgebühren und das Unterrichtsmaterial für die meisten Familien zu teuer und nur ein Drittel der Kinder zwischen 6 und 15 Jahren besuchen überhaupt die Schule. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit den Erzieherinnen, werden wir in die Pause entlassen und gehen meistens zum Spanischunterricht. Was die Sprache betrifft, so sind wir so gut wie alle mit sehr geringen Vorkenntnissen, wenn überhaupt, hier angekommen. Dass es ohne Kommunikationsmittel Schwierigkeiten geben würde war mir bewusst. Doch irgendwie habe ich den Eindruck bekommen das es sich dabei um mehr als nur Verständigungsprobleme handelt. Jetzt, nach drei Monaten bessert sich mein Spanisch allmählich und mir fällt auf, dass mit der sprachlichen Verbesserung eine geistige Veränderung einhergeht. Ich bilde mir ein, dass solang man die Landessprache nicht oder kaum versteht, man anders über die Einheimischen denkt. Eine Person nicht zu verstehen schafft nämlich eine gewisse Distanz. Einerseits existiert natürlich das konkrete Verständnisproblem. Doch gleichzeitig ist die Sprache auch etwas unglaublich persönliches, ein Teil der Identität. Und die Sprache des Gegenüber nicht zu verstehen führt unbewusst dazu, dass man dessen Gedanken nicht nachvollziehen kann, dass man seine Handlungen nicht versteht, dass diese Person einem insgesamt fremd erscheint. Wenn man sich jedoch sprachlich versteht, direkt und indirekt seine Gedanken austauschen kann, tritt man der Person näher, sie wird zu jemanden der „so denkt wie ich“, also auch ist „wie ich“ und stellt plötzlich kein Rätsel mehr da. Nach meinen Erfahrungen in den ersten sechs Wochen erschien es mir als möglich dass sprachliche Verständigungsprobleme aus diesem Grund bei vielen unbewusst ein Faktor von Intoleranz und Rassismus sein könnten. Umgekehrt vereinfachen Sprachkenntnisse nicht nur die Kommunikation, sondern ermöglichen ein engere Bindung an das Land, das Verständnis der Menschen, ihres Lebens und ihrer Kultur. Nach der Sprachschule geht es wieder zur Arbeit. Diesmal werden die Kinder von der Schule abgeholt und mühsam nach Hause zum Mittagstisch geschleppt. Die verschiedenen Bevölkerungstypen und die Einflüsse der Nachbarländer führen in Ecuador zu einer unglaublichen kulinarischen Vielfalt. Außerhalb der Arbeit und vor allem beim Reisen staune ich immer wieder über diesen Reichtum. Dabei variieren die Spezialitäten ebenfalls extrem nach Höhenlage. Deshalb ist es besonders schade, dass aus finanziellen Gründen das Essen in der Fundación nicht wirklich abwechslungsreich ist. Jede Mahlzeit besteht aus einer Portion Reis in Begleitung von Erbsen oder Bohnen. Etwa ein- bis Zweimal pro Woche gibt es auch ein bisschen Fleisch. Dass beim Kochen extrem viel Öl genutzt wird und die Gerichte meistens nur aus Kohlenhydraten bestehen wirkt sich dabei negativ auf unseren (bzw. meinen) Hüftumfang aus. Dennoch dürfen wir immer wieder ein paar Besonderheiten probieren, die von den Erzieherinnen außerhalb der regulären Essenszeiten zubereitet werden. Vor allem die Tortillakultur fasziniert mich. Sei es aus Weizen- oder Maismehl, Platano oder Yuca, jedes mal wird aus einer einzigen, leicht erhältlichen und günstigen Zutat, etwas unglaublich leckeres und Nahrhaftes gezaubert. Auf das Mittagessen folgen die Hausaufgaben, bei denen wir als Freiwillige auch eine wichtige Rolle spielen. Auch wenn sich in den letzten Jahren das ecuadorianische Bildungssystem verbessert hat, bekommen wir bei der Hausaufgabenbetreuung immer wieder einen Eindruck von dem erstaunlich niedrigem Niveau der staatlichen Schulen. Das Problem dabei ist, dass auch die Erzieherinnen bei den Hausaufgaben nicht immer helfen können. Für die meisten Kinder schließt sich nach der Grundschule nämlich keine weitere Schulbildung an und so ist der Bildungsstand, zumindest in der Schicht in der wir uns bewegen, ziemlich niedrig. Die Arbeitsatmosphäre in der Casa Hogar und generell in der Fundación ist allerdings bemerkenswert: In der Casa arbeiten wir mit zwei äußerst sympathischen Erzieherinnen zusammen, die mich immer wieder mit ihrer scheinbar unerschöpflichen Geduld den Kindern gegenüber beeindrucken. Generell scheint auch unter den Mitarbeitern der Fundación keine Konkurenz oder ähnliches zu herrschen, viel eher ergibt sich der Eindruck einer großen Familie. Die Stimmung unter den Kindern selbst ist anders. Ich hatte den Eindruck, dass die Kinder sich auf ein ständiges Kommen und Gehen eingestellt haben, der Abschied eines Kameraden scheint ihnen keinen großes Leid zuzufügen. Kinder mit denen sie zwei Jahre lang ein Zimmer geteilt haben, können von einem Tag auf den anderen in die Adoption gegeben werden und verschwinden, ohne dass eines der anderen Kinder darüber Traurigkeit zum Ausdruck bringt. Vielleicht können Trennungen den meisten dieser Kinder nicht mehr viel antun, weil menschliche Beziehungen von vornherein keine dauerhafte Bedeutung mehr für sie haben. Vielleicht kann man nicht mehr viel verlieren wenn man bereits seine Eltern verloren hat. Mich persönlich ergreifen die Adoptionen besonders. Auch wenn den Kindern ein Traum in Erfüllung geht, sobald sie hören dass sie demnächst Eltern bekommen, bleibt es doch seltsam mit an zusehen wie die Kinder plötzlich Mama und Papa zu fast noch fremden Menschen sagen. Dieser unglaublich intime Begriff von „Eltern“ steht Leben der meisten Menschen für zwei bestimmte Personen und ist keinesfalls übertragbar. Gerade in der Kindheit sind Eltern meist etwas dauerhaftes, ein fester und unverrückbarer Teil des Lebens. Bei der Arbeit in der Fundación wird mir immer wieder bewusst welch ein unglaubliches Glück es ist Eltern zu besitzen, die sich um einen kümmern und sorgen. Am Wochenende kommen wir zum luxuriösen Genuss des Reisens. Immer dem Reiseführer nach, treibt es einen meist zu den bekanntesten Orten, wunderschöne Naturlandschaften, Kolonialstädten, Indigene Märkte. Das beeindruckende an Ecuador ist seine unglaubliche Vielfalt in allen Bereichen. Geographisch gesehen ist Ecuador ein kleines Land, beinhaltet aber aufgrund der enormen Höhenunterschiede so viele verschiedene Klimazonen, dass man nach wenigen Busstunden immer wieder denkt man hätte ein anderes Land erreicht. Der Zauber dieses Landes liegt für mich in dieser unglaublichen Vielfalt, die man gerade beim Reisen zu Gesicht bekommt. Bemerkenswert ist der „Atmosphärenwandel“ sobald man sich in eine andere Klimazone begibt. Den klassischen Touristen trifft man in diesem wundervollen Land so gut wie gar nicht. Ein paar wenige Exemplare sind an den weltweit bekanntesten Orten anzutreffen wie z.B. der Indiomarkt von Otavalo oder Quitos Altstadt. Eine besondere Kategorie der „Gringos“, sind Europäer oder Amerikaner die sich in Ecuador abgesetzt haben und hier in gewisser Weise ihren Traum vom ungestörten Leben auf der Suche nach der Wahrheit ausleben. Dabei sind es eben diese Personen, die dieses Südamerikaklischee überhaupt aufrechterhalten. Es sind keine Ecuadorianer die mit Gitarre und Goahose durch das Land ziehen und am Strand bunte Armbändchen und Inkaamulette verkaufen. Immer sind es Ausländer die einem am Straßenrand anscheinend typisch südamerikanischen Schmuck andrehen wollen, der letztendlich nur von anderen Ausländern gekauft und getragen wird. Dieses Schauspiel, bei dem Ausländer nach Südamerika ziehen und anderen Ausländern den Südamerikanischen Traum verkaufen wollen, ist an sich sehr unterhaltsam, doch kann es einen auch wütend machen. Denn letztendlich wird so nicht nur das weitere Bestehen solcher Klischees gefördert, sondern es werden auch gewöhnliche Touristen dazu verleitet zu glauben, dass sie mit dem Erwerb eines Inkaarmbändchens ein Stück Kulturgut erworben haben und dem Land in gewisser Weise näher gekommen sind. Dem Touristen werden so vor dem wirklichen Leben und der Kultur dieses schönen aber auch sehr armen Landes die Augen verschlossen. Nachdem wir die ersten Wochen immer nur unserem Reiseführer gefolgt und zu den bekanntesten Orten gefahren sind, versuchten Nico und ich uns an einer anderen Art zu Reisen. Mehr oder weniger zufällig suchten wir uns einen Ort im Nebelwald aus, der den verlockendem Namen Las Pampas trug. Bei diesem Trip sollten wir einen Ort entdecken, der von seiner natürlichen Unberührtheit und Schönheit touristische Zentren wie Mindo bei weitem übertrifft. Gleichzeitig hatten wir das erste Mal direkten Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Denn auf unserer Reise begegneten wir einem Zuckerrohr- und Milchbauern namens Bolivár. Der freundliche alte Herr nahm uns mit in sein Heimatdorf nahe Las Pampas, ließ uns bei sich schlafen und nahm uns am folgendem Tag mit zum Kühe melken. Es handelte sich bei dieser Reise um ein absolut prägendes Erlebnis bei dem uns die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft der Einheimischen Ausländern gegenüber wirklich bewusst wurde. Genereller gesagt habe ich den Eindruck dass das Reisen mich dem Land unglaublich näher bringt und in gewisser Weise immer wieder Mut für die kommende Arbeitswoche gibt. Land und Leute aus einer anderen Perspektive zu erleben als bei der Arbeit, mit fremden Menschen über ihre Probleme zu reden oder einen Blick in ihren Alltag zu werfen erinnert einen an die vielen verschiedenen Facetten, Orte und Menschen, die diesem Land eine Seele geben. Denn auch wenn die Arbeit höchst interessant ist und uns einen unverzichtbaren Rhythmus gibt, hat sie dennoch manchmal einen eher kontraproduktiven Effekt. Ich glaube die erdrückende 40-Stunden Arbeitswoche führt manchmal dazu dass man aus Erschöpfungsgründen eher dazu tendiert sich zu isolieren und zu verschließen. Dabei sollte die Arbeit sich in der Entwicklung der Freiwilligen eher interessefördernd auswirken und sie nicht unter der Last einer einzigen Aufgabe erdrücken. Ich hoffe dass ich im Laufe der nächsten Monate es schaffen werde mich dem Land etwas weiter zu nähern und mich auch sprachlich zu verbessern. Ich hoffe trotz der Arbeit noch weitere prägende Erlebnisse haben zu können, aus denen ich etwas über das Leben in diesem wunderschönen Land lernen kann und die mir vielleicht eines Tages das Gefühl geben, dass ich in dieses Land gehöre.

 

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